Grabsteine der NS-"Euthanasie"-Gräber in Frankfurt korrigieren

NR 1186/20 Gemeinsamer Antrag der Fraktionen von CDU, SPD und die GRÜNEN

Auf dem NS-Opferfeld des Frankfurter Hauptfriedhofs liegen die Urnen von 500 NS-Opfern. Ungefähr 330 von ihnen wurden in Tötungsanstalten der NS-"Euthanasie" ermordet, die anderen in Konzentrationslagern, einige wenige starben in Gestapo-Haft. Der größte Teil der NS-"Euthanasie"-Opfer ist in der Gaskammer von Hadamar umgebracht worden.

Im Rahmen der NS-"Euthanasie" erlitten kranke und behinderte Menschen einen grausamen Tod, weil sie als sogenanntes "lebensunwertes Leben" diffamiert wurden und dem Leistungs- und Nützlichkeitsanspruch des NS-Regimes nicht genügten. Schon ab 1934 wurden viele Menschen zwangssterilisiert, später zu Forschungszwecken missbraucht, und ab 1940 in Tötungsanstalten systematisch ermordet. Menschen, die eigentlich Leben retten sollten, wie Ärzteschaft und Pflegepersonal, beteiligten sich an den Morden. Auch kirchliche organisierte Anstalten trugen mit der Haltung: behinderte Menschen durch den Tod von ihrem "Leiden zu erlösen" zur Tötung bei. Manche gaben ihnen sogar vorher noch die Sterbesakramente. (Film von Ernst Klee: "Alles Kranke ist Last. ." - Die Kirchen und die "Vernichtung lebensunwerten Lebens" | HR (1988) https://www.youtube.com/watch?v=w0ZMw4dequI)

Nach dem Krieg wurde die Opfergruppe der Zwangssterilisierten und "Euthanasie"-Geschädigten systematisch missachtet. Die Täter*innen wurden selten belangt, konnten oft ohne Unterbrechung in ihren Berufen weiterarbeiten.

Erst in den 50er Jahren wurde das NS-Opferfeld auf dem Hauptfriedhof errichtet. Doch selbst im Tode ist den Opfern keine Gerechtigkeit widerfahren. Auf den Grabplatten mit zumeist vier Namen fehlt der in dem Zusammenhang wichtige Hinweis auf den Todesort. Besonders fatal ist, dass bei den Opfern der NS-"Euthanasie" die Täterangaben zum Sterbedatum übernommen wurden. Diese waren verfälscht und um Tage oder sogar Wochen nach hinten datiert, um die sofortige Ermordung in der Tötungsanstalt zu kaschieren und zudem mehr Pflegegelder kassieren zu können. Die Angaben auf den Grabsteinen verstoßen somit gegen das Gräbergesetz.

Seit längerem bemüht sich der "Arbeitskreis Zwangssterilisation und 'Euthanasie' in Frankfurt am Main" mit Unterstützung der Vereinigung "Gegen Vergessen - Für Demokratie" und dem "Bund der 'Euthanasie'-Geschädigten und Zwangssterilisierten" (BEZ) darum, diesen Zustand zu ändern. So wurde im Oktober 2019 eine Informationsplatte vor dem Gräberfeld eingeweiht, die auf diese Tatsache hinweist.

Der Arbeitskreis hat die Daten der Ermordeten zusammengetragen. Dies ist auch auf einer Website (https://graeberfeld.copyriot.com) dokumentiert. Die Bemühungen, die Grabsteine, die zum Teil stark verwittert sind, hinsichtlich der falschen Angaben korrigieren zu lassen, waren bislang erfolglos. Seit einer gemeinsamen Begehung mit einer Vertreterin des zuständigen Regierungspräsidiums Darmstadt am 6. Juli 2017 hat sich nichts getan, obwohl Vorschläge für eine Neugestaltung der Grabsteine (mit Kostenvoranschlag eines Steinmetzes) vorliegen.

Der Magistrat wird daher gebeten:

- das Regierungspräsidium Darmstadt aufzufordern, in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis die notwendigen Korrekturen der Grabsteine vorzunehmen und so den Opfern im Tode ihre Würde zurück zu geben.

- Des Weiteren wird der Magistrat gebeten zu berichten, welcher Maßnahmen es bedarf, die Erinnerungen an die Einzelschicksale der ermordeten Menschen der Euthanasie zu erforschen und für die Nachwelt zugänglich zu machen.