Verbesserung der sprachlichen Frühförderung von Kindern unter sechs Jahren aus geflüchteten Familien

NR 1113/20 Gemeinsamer Antrag der Fraktionen von CDU, SPD und GRÜNEN

Die Stadtverordnetenversammlung möge beschließen:

Der Magistrat wird beauftragt,

1. gemeinsam mit den Betreibern der Frankfurter Flüchtlingsunterkünfte einen Weg zu finden, alle fehlenden Daten zu Sprachstand und Förderung von Kindern unter sechs Jahren einzuholen und den Stadtverordneten darzulegen, wie viele Kinder bis sechs Jahre noch keinen Kitaplatz haben und nicht an Sprachfördermaßnahmen teilnehmen;

2. darzulegen mit welchen städtischen Aktivitäten das Ziel verfolgt werden soll, möglichst allen Kindern aus geflüchteten Familien vor der Einschulung einen Platz in einer Kita oder einer systematischen, regelmäßigen Sprachfördermaßnahme zu vermitteln;

3. zu prüfen und zu berichten, ob die vorhandenen Platzkapazitäten für alle Kinder ausreichen oder eine Ausweitung von Programmen erfolgen müsste;

a. bei fehlenden Kapazitäten: zu prüfen und zu berichten, mit welchen Personal- und Sachkosten eine potentielle bedarfsgerechte Ausweitung des Angebotes verbunden wäre;

b. bei ausreichenden Kapazitäten: darzulegen, was die Stadt zukünftig unternimmt, um mehr Familien mit ihren Angeboten zu erreichen.

Begründung:

Nach der Studie "Refugees in the German Educational System", die im Auftrag des Bundesbildungsministeriums erstellt wurde, besuchten bundesweit rund ein Fünftel der vier- bis sechsjährigen Kinder aus Flüchtlingsfamilien keine Kita. Zudem stellt die Studie fest, dass lediglich ein Viertel der Vorschulkinder aus dieser Bevölkerungsgruppe an entsprechenden Sprachfördermaßnahmen teilnimmt. Bedenkt man, wie wichtig Sprachkenntnisse für die Wissensbildung in der Schule und damit für den späteren beruflichen Weg sind, erscheint es erstaunlich, dass so wenige Kinder, die kurz vor der Einschulung stehen, eine Deutschförderung erhalten.

In der Plenarsitzung am 22.08.2019 berichtete die Dezernentin für Integration und Bildung wie folgt über den Stand in Frankfurt: "Die Stadt Frankfurt am Main hat derzeit 273 Vorschulkinder im Alter von drei bis fünf Jahren in Flüchtlingsunterkünften, Wohnheimen oder Hotels untergebracht. Bezüglich der Versorgung mit KiTa-Plätzen liegen der Stabsstelle Flüchtlingsmanagement valide Zahlen nur aus 21 der Frankfurter Flüchtlingsunterkünfte vor. Dort leben 173 Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren. Davon besuchen 59 Prozent eine KiTa. Weitere rund 25 Prozent sind bereits für einen KiTa-Platz angemeldet."

Angesichts der enormen Bedeutung einer frühestmöglichen Sprachförderung erscheint es unbefriedigend, dass die Stadt Frankfurt überhaupt nur in 63% aller Fälle Kenntnis davon besitzt, ob die betreffenden Kinder vor der Einschulung eine adäquate sprachliche Förderung erhalten. Im Sinne der Schaffung größtmöglicher Bildungs- und Chancengerechtigkeit müssen schon früh die Weichen gestellt werden, damit Kinder bei der Einschulung gute Startvoraussetzungen haben und dem Unterricht folgen können. Ein Fehlen von Frühförderung von Vorlauf- oder Intensivkursen an Grundschulen und weiterführenden Schulen nicht kompensiert werden.

Die Befunde des letzten Integrations- und Diversitätsmonitorings von 2017 zeigen auf, dass der Sprachstand bei Kindern in hohem Maße von der Familiensprache und den Deutschkenntnissen der Mutter abhängig sind. Je weniger Deutsch im familiären Umfeld gesprochen und beherrscht wird, umso schlechter schneiden auch die Kinder bei den Tests ab. Darüber hinaus hat auch die Besuchsdauer im Kindergarten einen Einfluss auf die Deutschkenntnisse der Kinder: Je frühzeitiger und länger die Kinder die Kita besucht hatten, umso besser schnitten sie in den Sprachtests ab. Kinder mit Migrationshintergrund in Frankfurt besuchen jedoch bislang noch kürzer den Kindergarten und haben häufig auch keinen Ganztagsplatz. Unter den Kindern mit Migrationshintergrund wiesen bereits im Jahr 2014 rund 30% in der Einschulungsuntersuchung des Frankfurter Gesundheitsamtes eine Auffälligkeit auf. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die Deutschförderung im Rahmen eines Intensivkurses benötigen stieg darüber hinaus seit dem Schuljahr 2011/12 sehr stark an und hat sich im Schuljahr 2014/15 aufgrund des Flüchtlingszuzugs mehr als verdoppelt.

Es ist zudem mit einer Verstetigung dieses Trends zu rechnen. So weist die jüngste Geburtenstatistik für die Bundesrepublik insbesondere Zuwanderinnen mit niedriger Schulbildung eine überdurchschnittlich hohe Geburtenrate auf. Dies wird unser Schulsystem spätestens 6 Jahren vor neue Herausforderungen stellen.

Daher ist es wichtig, die sprachliche Förderung bereits im Kindergartenalter entsprechend auszubauen und insbesondere geflüchteten Familien passende Angebote zu vermitteln. Ehrenamtlich organisierte Lern- und Spielangebote in Einrichtungen für Geflüchtete sind sehr zu begrüßen, können allein jedoch keine ausreichende Basis für den Erwerb der deutschen Sprache bilden.