Ausstellung Contemporary Muslim Fashions

Stadtverordneter Uwe Paulsen, GRÜNE:
Die Ausstellung Contemporary Muslim Fashions im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst ist zum Teil scharf kritisiert worden. Unter anderem wurde zu Recht gesagt, die Ausstellung sei "ein Schlag ins Gesicht von Mädchen und Frauen weltweit, die das Kopftuch nicht tragen wollen oder es ablegen möchten, aber nicht dürfen". Ein Mittel der Unterdrückung werde auf ein modisches Accessoire reduziert.
Dies vorausgeschickt, frage ich den Magist-rat: Wie beurteilt der Magistrat die Kritik an der Ausstellung?

StellvertretendeStadtverordnetenvorsteherin Dr. Renate Wolter-Brandecker:
Es antwortet Frau Stadträtin Dr. Hartwig. Bitte!

Stadträtin Dr. Ina Hartwig:
Sehr geehrte Frau Stadtverordnetenvorsteherin, meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr geehrter Herr Stadtverordneter Paulsen! Es ist eine bemerkenswerte Frage, die ich dankbar aufgreife, weil sie mir ermöglicht, zu einer wichtigen Ausstellung in einem unserer interessantesten Häuser in Frankfurt hier noch einmal Stellung beziehen zu können. Wie Sie wissen, ist es eine Übernahme von Max Hollein aus San Francisco, der die Ausstellung konzipiert hat. In der liberalen, multikulturellen Stadt San Francisco ist diese Ausstellung ohne Auffälligkeiten über die Bühne gegangen. Bei uns hingegen kann man sagen, dass es selten im Vorfeld einer Ausstellungseröffnung so viele differenzierte Besprechungen und so viel Kritik bis hin zu Schmähungen gegeben hat, wie bei dieser Schau über zeitgenössische muslimische Mode für und teilweise von Frauen.
Daher habe ich mir bei dieser Ausstellung besonders viel Zeit genommen, um mir selbst ein Bild zu machen. Ich war in Begleitung von Stadträtin Weber, Stadträtin Heilig und Stadträtin Eskandari-Grünberg kurz vor der Eröffnung in dieser Ausstellung. Ich lasse Sie gerne an meinen Eindrücken und Gedanken teilhaben.
Zunächst ist mir die Feststellung wichtig, dass dies eine Ausstellung und kein Tribunal ist. Hier wird nicht postuliert, dass Leben im Iran wäre ein Fest für die Frauen oder die fortschreitende Islamisierung Indonesiens wäre kein Problem. Weshalb es auch nicht ganz zwingend ist, dasPublikum vom Gegenteil zu überzeugen oder Besucherinnen ein schlechtes Gewissen zu machen, weil sie sich Mannequins in exotischer Kleidung ansehen oder ansehen möchten. Es ist vielmehr eine Ausstellung über etwas, das existiert und nicht über etwas, dass herbeige-sehnt wird. Die Mode für die muslimische Welt ist eine komplexe Angelegenheit, weil es nun einmal nicht dasselbe ist, knallige Mode für den Londoner Bürgersteig zu entwerfen oder eine Millionärin aus Abu Dhabimit Roben für das internationale Parkett aus-zustatten. Haute Couture war selbstredend eine französische Erfindung, aber deren große Zeiten sind offensichtlich vorbei. Als unlängst Karl Lagerfeld starb, wollte es auf die Schnelle niemandem einfallen, wofür er eigentlich gestanden habe. Ja, die westlichen Moden haben sich erschöpft und sind in Form von Tattoos zum Beispiel weitergewandert auf die Körper selbst, ein Prinzip der Mode verletzend, nämlich das der Vergänglichkeit.
In dieser Ausstellung aus San Francisco sehen wir eine Epoche Revue passieren. Das Erstaunliche ist, es geht um die Epoche, in der wir leben. Die muslimische Mode für Frauen ist frisch, sie ist jung, divers, komplex, ambivalent und auch paradox. Das meiste, was hier zu sehen ist, für diese Ausstellung kurioserweise an Mannequins,die 1,80Meter groß sind, ist tatsächlich Haute Couture. Spielerisch mit den Traditionen, handwerklich immens kompliziert, absichtlich bis ins Extrem getrieben. Haute Couture, wenn sie gut läuft, ist schillerndes Vorbild der Mode als Alltagsware. Die Franzosen nennen das Pret-a-porter, sie stellt den äußersten Punkt des Möglichen dar. Auch diese Feststellung ist mir wichtig. Es ist doch etwas albern, das Spiel mit der Form, also auch der Form des weiblichen Körpers in diesem Fall, als westliches Privileg sichern zu wollen. Ein Bikini ist so wenig Ausdruck der Demokratie, wie ein Burkini diese zum Einsturz brächte. Das Spiel mit dem Schnitt, dem Material und der Farbe, all das ist offensichtlich kein Resultat der Grübeleien überstrenger Sittenwächter, sondern von zeitgenössischen Modemachern. Anders gesagt: Wir müssen anerkennen, dass die Welt größer ist, als wir gestern noch dachten. Eine Muslim Fashion kann den Islam nicht zementieren, aber verweltlichen kann sie ihn eventuell schon. Was echte Mode immer mit sich bringt, ist jedenfalls ein Gefühl für die Zeit. Allein die Chiffren der Flüchtigkeit verhalten sich indirekt kritisch zu religiöser Dogmatik.
Noch einmal: Diese Ausstellung ist kein Statement für das Kopf-tuch in deutschen Schulen, aber sie istein Plädoyerdafür, muslimische Mädchen und Frauen nicht in Klischees zu pressen, denen sie auf dem schmalen Pfad persönlichen Ausdrucks entkommen wollen.

(Beifall)


StellvertretendeStadtverordnetenvorsteherinDr. Renate Wolter-Brandecker:
Vielen Dank! Die erste Zusatzfrage kommt von Herrn Stadtverordneten Paulsen. Bitte!

Stadtverordneter Uwe Paulsen, GRÜNE:

(Zusatzfrage)


Frau Dr. Hartwig, diese Antwort macht mich etwas sprachlos. Ich glaube, wir waren in zwei verschiedenen Ausstellungen. Deshalb muss ich einfach einmal meine Frage orientieren. Aber meine Zusatzfrage passt, glaube ich, zu Ihren Ausführungen. Sie haben gesagt, es geht um Mode, um wallende Gewänder und alles. Es gibt einen sehr schönen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, übrigens sehr differenziert wie viele Artikel, ich befürworte das und ich glaube, wir sollten Ausstellungen nicht generell verdammen, aber der Tenor ist, das Politische kommt zu kurz.

StellvertretendeStadtverordnetenvorsteherin Dr. Renate Wolter-Brandecker:
Herr Paulsen, bitte stellen Sie Ihre Zusatzfrage.

Stadtverordneter Uwe Paulsen, GRÜNE:

(fortfahrend)


Ich zitiere die Süddeutsche Zeitung: "Wenn Wagner K" -der Museumsdirektor -"also darauf beharrt, es handele sich um eine 'Modeausstellung', dann ist das ungefähr so, als wolle man die Debatte über das Kreuz in Schulen als Frage der Inneneinrichtung be-handeln."
(Beifall, Zurufe)
Ich muss sagen, ich teile diese Einschätzung. Ich würde Sie einfach gerne fragen, nach all der Kritik, Sie haben gesagt, es hat sie vorher gegeben, es gibt sie immer noch, heute erreichten mich zwei Nachrichten von Absendern, die es gut fanden.

StellvertretendeStadtverordnetenvorsteherin Dr. Renate Wolter-Brandecker:
Herr Paulsen, bitte stellen Sie Ihre Frage.

Stadtverordneter Uwe Paulsen, GRÜNE:

(fortfahrend)


Würden Sie nach all der Kritik, die gekommen ist, wenn Sie noch einmal entscheiden könnten -es ist ja das Museum gewesen -, ob eine Ausstellung so läuft, sie noch einmal so laufen lassen?


(Beifall)

Stadträtin Dr. Ina Hartwig:

(fortfahrend)

Es ist mir wichtig festzuhalten, dass nicht ich das entscheide, sondern unsere Museumsdirektoren. Das ist uns auch eine Ehre, ihnen die Freiheit zu überlassen.

(Beifall)

Ferner darf ich noch einmal darauf hinweisen, dass es eine Ausstellung ist, die von Max Hollein aus San Francisco kommt -Max Hollein ist uns hier in Frankfurt allen ein Begriff -und nicht von Herrn Wagner K. Herr Wagner K hat tatsächlich die Ausstellung um einen nicht uninteressanten Punkt ergänzen lassen, er hat nämlich hiesige muslimische Modemacherinnen beauftragt, Kleider zu entwerfen, die in dieser Ausstellung zu sehen sind. Was die Kritik der Süddeutschen Zeitung angeht, das ist eine Kritik unter vielen, es gab erstaunlich viele und zum Teil sehr differenzierte Stellungnahmen. Ich darf auch an den Artikel von Barbara Vinken, der Modefachfrau Deutschlands, erinnern, der in der ZEIT zu lesen war, die diese Ausstellung kontextualisiert hat in die Geschichte der Mode, den ich mit Verlaub den besten Artikel fand. Ich persönlich finde Polemik in Kritiken immer gut. Ich bin sehr dafür. Das heißt nicht, dass man sich der Polemik anschließen muss. Wir lebenglücklicherweise in einer freiheitlichen Demokratie, in der Pressefreiheit herrscht, und die Kritik ist glücklicherweise in unseren gut aufgestellten Medien noch vorhanden. Ich sehe mich als Kulturdezernentin wirklich nicht aufgefordert, zu einzelnen Kritiken hier Stellung zu nehmen. Grundsätzlich begrüße ich diese Ausstellung aus einem Grund, den ich hier noch gerne nachtragen möchte. Es ist eine Ausstellung, die tatsächlich von Mode handelt. Das ist das Interessante an dieser Ausstellung. Sie stellt gleichwohl natürlich auch eine Frage an uns selbst, und das ist für mich fast das Wichtigste an dieser Ausstel-lung, dass sie uns mit unseren eigenen Grenzen der Toleranz konfrontiert, mit unseren Sehgewohnheiten, mit den Gewohnheiten der Mode. Es sind Veränderungen, die nicht nur im geschlossenen Raum eines Museums stattfinden, sondern die tatsächlich auf unseren Straßen und in unseren Schulen zu sehen sind. Insofern ist es eine wichtige Ausstellung, die uns nämlich dazu auffordert, diese Frage an uns selbst zustellen, wie wir mit den gesellschaftlichen Veränderungen, die sich auch in der Mode niederschlagen, umgehen.

(Beifall)