"Typisch Frankfurt" - Frankfurts Geschichte neue bauen

Stadtverordneter Ulrich Baier, GRÜNE:
Sehr geehrter Herr Vorsteher, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich glaube, es ist allen klar, dass das ein Spezialthema ist. Wenn man den Antrag liest, wird jeder nach der zweiten Seite abschalten. Es heißt, es ist ein Spezialthema, nicht nur für die Sozial- oder Umweltpolitiker, sondern auch für viele Planungspolitiker, weil es einfach eine Materie ist, die eine Einarbeitung verlangt.

Herr Kirchner hat es schon gesagt, ich ergänze das noch etwas, im Frühjahr und Sommer 2014 sind Monate der Entscheidungen. Es sind die Entscheidungen, wie manche sagen, die das Herz Frankfurts bewegen. Als ein Herzensanliegen hat es schon lange unser Koalitionspartner CDU bezeichnet. Für viele GRÜNE ist es erst allmählich zu einem Herzensanliegen geworden. Bürgermeister Cunitz als Historiker hat relativ früh sein Herz dafür entdeckt. Klar, wenn er daran denkt, in welch unheimlich beschleunigten Prozess die Stadt Frankfurt andauernd modernisiert, muss er Wert als Historiker darauf legen, was dieser Ort für die Identifikation, das Gesicht der Stadt Frankfurt, bedeutet. Aber auch Oberbürgermeister Feldmann wird vermutlich noch sein Herz dafür entdecken, wenn er mit Vertreterinnen und Vertretern des Deutschen Städtetages oder mit den SPD-Bürgermeistern der Region über den Krönungsweg in die Seele des neuen Stadthauses schreitet.

In diesen Monaten der Entscheidung steigt, was das Herz angeht, auch der Blutdruck, auch bei einigen besonderen Entscheidungen, im Februar bei uns angesichts der Mehrkosten für die optionalen Rekonstruktionen und in den kommenden Monaten vermutlich bei den Kaufinteressenten im Losverfahren. Heute steigt der Blutdruck bei einigen von uns beim äußeren Erscheinungsbild. Das ist genauso wichtig. Etwas später wird über die Nutzungen entschieden. Denn, wie ich immer betont habe, die äußere Erscheinung, die Fassaden, sind wichtig, aber ganz streng genommen geht es noch viel mehr um die Nutzung und wie dort gewohnt, gelebt und dort Geschäfte gemacht werden, unabhängig von den Touristen, die uns besuchen.
                              (Beifall)
Werfen wir alt gediente und auch jüngere Stadtverordnete einige Blicke zurück. Herr Kirchner hat es jetzt nicht noch einmal extra erwähnt, ich tue es noch einmal, angesichts des Bürgerbegehrens war es ein schwieriger, lang erarbeiteter politischer Kompromiss, die Altstadthäuser zu erhalten und zwar entsprechend der Quellenlage, entsprechend einer möglichst guten Qualität und daneben auch neue Häuser zu bauen. Das ist manchen nicht leicht gefallen. Ich wiederhole noch einmal, dass es ein politischer Kompromiss war. Wenn etwas in der Politik zählt, dann ist das Verlässlichkeit und Transparenz. Aus diesem Grund müssen wir den Bürgerinitiativen allen sagen, wir stehen zu unserem damaligen Kompromiss. Den Rest werden jetzt Juristen prüfen, wie es mit dem Bürgerbegehren weitergeht.
                              (Beifall)
Die Gestaltungssatzung, Herr Kirchner hat es erwähnt, haben wir damals als Stadtverordnete - ich muss daran auch noch einmal erinnern - in einem etwas mühseligen Prozess dem Stadtplanungsamt abgerungen. Die einen wollten sehr viele Details, andere möglichst wenig - es gab diverse Papiere, 20 oder 30 Seiten lang, dann ist es eingestampft worden, dann haben die Stadtverordneten gesagt, nein, es soll noch etwas dazwischen sein. Warum ist uns das wichtig? Wenn Sie die städtebauliche Diskussion auch dieser Tage oder Monate anschauen und die Kritik an Stadtvierteln, dann werden Sie schon früher gehört haben, beim Frankfurter Bogen ist es zum Beispiel ein bunter Flickenteppich. Manchen gefällt er, aber nicht allen. Manche hätten gerne ein einheitliches Erscheinungsbild. Wenn man jetzt auf den Riedberg schaut, dort ist genau das Gegenteil. Dort würde man sagen, in jedem Fall ist eine größere Einheitlichkeit besser. Schon an diesen beiden Extrembeispielen sehen Sie, ob alt oder neu, und alt neben neu, der Grundgedanke der Gestaltungssatzung war, das Ensemble muss stimmen. Darum sind auch die ursprünglichen Wettbewerbsarbeiten als solche dann noch nachbearbeitet worden, die Gesichtspunkte, welches Haus passt zu welchem in der Nachbarschaft und gegenüber.

Im Gestaltungsbeirat sind Fachleute. Das heißt, das sind Fachleute, denen wir als Politiker unser ästhetisches Urteil, soweit es irgendwie geht, übertragen haben. Das heißt, wir mischen uns dort eigentlich nicht ein, sondern wir schauen auf das, was uns die GmbH dazu gesagt hat, nämlich die Frage, was kostet das und in welcher Weise ist es sozusagen dann auch technisch machbar. Ich will es einmal in einem Bild ausdrücken. Das Herz, auch der Altstadt, auch unseres, ist oft widerstrebenden Regungen ausgesetzt. Zunächst einmal den Anforderungen der Leistungsfähigkeit, besonders bei sportlichen Anstrengungen in einer eng definierten Zeit und auf einem stark reglementierten Weg. Kraft und Ausdauer sind zu trainieren. Rechtzeitig müsste der Arzt dann sagen, jetzt übernimmst du dich oder du musst sozusagen deine Kräfte schonen. Das war exakt die Aufgabe der GmbH, zu sagen, hallo, hier gibt es zu viele Kosten, Achtung, hier gibt es einen Zeitplan, wem auch immer das gepasst hat oder auch nicht gepasst hat. Wir sind in dem Fall der GmbH sehr dankbar. Deswegen möchte ich auch der GmbH und ihrem Geschäftsführer und allen Mitarbeitern danken.
                              (Beifall)
Die nächste Aufgabe bei einem Herz ist, dass es sozusagen einen Rhythmus abstimmt. Da gibt es Objektarchitekten, die sagen, das ist mein Bau und das sieht gut aus. Dann, Herr Kirchner hat es schon angesprochen, das sind die Bauvorschriften, Brandschutzvorschriften, die statischen Vorschriften auf dem erneuerten Parkhaus und so weiter. An dieser Stelle wiederum mein herzlicher Dank an Schneider und Schumacher als dem Generalbüro, dass alle diese Koordinierungsarbeiten geleistet hat. Den Gestaltungsbeirat habe ich schon erwähnt. Ich könnte jetzt einfach schlicht sagen, beim Herz ist das der Wohlfühlfaktor. Es muss gut aussehen und den Bürgern gefallen. Mein Dank geht an den Gestaltungsbeirat und den Vorsitzenden Professor Mäckler.
                              (Beifall)
Zum Herz gehört auch noch etwas Empathie. Die Empathie der Nachbarn, das sind die Betroffenen vom Baulärm beispielsweise, es sind aber auch die Mitspieler und Konkurrenten, zum Beispiel die Schirn und das Historische Museum. Die wollen natürlich ihre Spolien behalten, einige müssen sie rausrücken. Sie müssen die Abstimmung mit dem Kulturbetrieb ermöglichen. Mein Dank gilt auch der Schirn, Herrn Hollein und Herrn Professor Dr. Semmelroth. Es müsste vielleicht noch gesagt werden, des Herzens letzte Aufgabe muss auch flexibel sein. Also, die Anstrengungen sind einmal größer, einmal kleiner. Das Herz hat sich einmal etwas übernommen oder nicht. Das heißt, es ist zu korrigieren und dementsprechend mein Dank an alle Mitstreiter, wenn wir Entscheidungen oder Fehler korrigieren mussten, weil es auch nicht selbstverständlich ist.

Herr Kirchner hat sich bei mir extra bedankt, ich gebe den Dank gerne zurück aus einem schlichten Grund: Wenn man im Gestaltungsbeirat und bei der GmbH sitzt und dann hört, wie die oft streiten oder miteinander ringen, dann hat er mir Gesellschaft geleistet. Das ist auch nicht selbstverständlich für jemanden, der einen Vollzeitberuf hat, sich dann die Zeit dafür zu nehmen.
                              (Beifall)
Ich greife jetzt noch kurz einige Streitfragen heraus, weil man daran einiges deutlich machen kann. Das ist die Braubachstraße 21, Sie sehen das an dem Antrag. Der Architekt wollte dort roten Sandstein, der Gestaltungsbeirat sagt, wir möchten bitte den für Frankfurt typischen Kalkstein haben. Das ist ein Beispiel, warum der Gestaltungsbeirat sagt, wir wollen dort eine ortstypische Geschichte haben und außerdem andere Fachplaner wieder sagen, vom Farbleitplan passt hier zu viel rot eigentlich nicht. Sie sehen ein anderes Beispiel, Gestaltungsbeirat und der Bürgermeister und Planungsdezernent haben gesagt, wir wollen dort den Bruch, den es damals in der Altstadt gegeben hat aufgrund der Berliner Straße, den wollen wir sichtbar machen, weil wir nicht nur Harmonie, sondern auch die Geschichte in ihrer ganzen Zerrissenheit zeigen wollen. Das war auch eine sehr wichtige Entscheidung, auch wenn es jetzt nicht jedem gefällt.

Die weiteren Beispiele erspare ich mir jetzt, weil Sie es im Antrag nachlesen können, das wäre zum Beispiel Markt 14, wo wir gesagt haben, der Empfehlung des Gestaltungsbeirats folgen wir jetzt nicht, es ist uns zu teuer, es gibt Ausschreibungen dieser und jener Art und die würden sich verzögern. Auf der anderen Seite Markt 8 haben wir gesagt, auch wenn es eine Kleinigkeit ist, diese Entscheidung ist besser. Wir haben weiterhin gesagt, wir möchten das Wärmeverbundsystem dort ersetzen, weil wir am Riederwald gesehen haben, dass es billiger, schöner und umweltverträglicher geht.

Ich will noch zwei, drei Sätze zu den Kosten sagen. Herr Kirchner hat schon das Wichtigste gesagt. Die Kritik der LINKEN. war ja immer darin von Anfang bis heute, diese Altstadt können sich nur einige wohlhabende Bürger leisten, eben die mit den dicken Geldbeuteln. Andere haben dann wieder gesagt, warum dafür Geld ausgeben und nicht in andere Altstadtbereiche, Alt-Sachsenhausen oder Höchst. Diese Vergleiche sind berechtigt, das Argument mit den wohlhabenden Bürger nicht unbedingt. Man könnte sagen, der Hauptbahnhof ist das Entree unserer Stadt, wo jeder, der reinkommt sieht, aha, jetzt gehe ich zum Arbeitsplatz und wieder zurück. Hier könnte man sagen, neben dem Geschäftsviertel an der Zeil, ich habe es schon gesagt, es ist das Herz, oder zum anderen Bild, es ist Wohnraum oder unser Gästezimmer. Wichtiger aber als diese räumlichen Vergleiche ist die Tatsache, dass dieser Ort der Ort der Frankfurter der deutschen und europäischen Geschichte ist. Weil es das ist, ist es an dieser Stelle für uns das Geld auch wert.
                             (Beifall)
Es gab gestern eine Sondersitzung des Ortsbeirates. Dabei hat es sich gelohnt, auf drei Fragen näher einzugehen. Die erste Frage, die auch Klarheit gebracht hat, muss ein Architekt nicht einfach umsetzen, wenn der Bauherr es will? Eigentlich ja, bei einem Wettbewerb, nein. Bei einem Wettbewerb kann er weitgehend machen, was er will. Zweite Frage war, wenn ein Architekt also machen kann, was er will, warum gebt ihr ihm dann die Empfehlungen? Weil wir dem Gestaltungsbeirat den Rücken stärken, wir sagen, was machbar ist und was nicht. Typisch Frankfurt war mein Vorschlag für den Titel unseres Antrags, dem die Koalitionsfraktionen gefolgt sind. Für Frankfurt ist die neue Altstadt etwas Besonderes. Für Frankfurt typisch ist, das Neben- und Miteinander von verschiedenen Bauten oder von Widersprüchlichkeiten und Kontrasten. Frankfurt wird oft bewundert, wenn auch nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Doch es wird immer wieder etwas Neues ausprobiert, als Pilotprojekt für andere Großstädte dieser Republik. Auch wenn es nicht reibungslos geht und wir Fehler machen, lernen wir daraus. Darauf sind wir stolz, auf Frankfurt, auch das, was hier so typisch ist. Wir werden auch stolz sein, wenn aus der alten eine neue Altstadt dicht und hoch gewachsen ist.

Vielen Dank!
                              (Beifall)