Neue Frankfurter Altstadt

Stadtverordneter Ulrich Baier, GRÜNE:

Sehr geehrte Frau Vorsteherin, verehrte Kolleginnen und Kollegen!

Ich habe nur sechs Minuten Redezeit. Ich will daher kurz einige Themen zusammenfassen. Ich beziehe mich nicht auf den Antrag, wobei jeder von uns längst gedacht hat, dass das wahrscheinlich eine Diskussion über die Städtischen Bühnen ist. Das war es jetzt offensichtlich nicht.

Aber ich beziehe mich auf die Rede von Herrn Hübner. Er hat am Anfang die historische Identität ausgeführt. Der Begriff Identität ist sozialwissenschaftlich ein außerordentlich vielschichtiger Begriff. Ich will einmal ganz kurz etwas dazu sagen, denn er bezieht eigentlich ein, wo jemand herkommt und wohin er geht. Das ist die Vergangenheit und die Zukunft. Architektonische Identität würde heißen, es ist die Altstadt bezogen auf die Wurzeln Europas, die Kaiserpfalz und auch später die Kaiserkrönungen. Das ist wichtig für die Stadt Frankfurt, aber zur Identität würde genauso dazugehören, was andere Brutalismus nennen, also das sogenannte neue Bauen. Das Wort Brutalismus möchte ich hier aufgreifen. Das meinte den Anspruch, demokratisch, transparent und vor allem rein funktional zu bauen. Das mögen viele nicht, aber das gehört auch zu dieser Identität. Das heißt, die Zwanzigerjahre, die Fünfzigerjahre, die Siebzigerjahre würden auch in diesem Sinn dazugehören müssen, wenn man von Identität redet.

Das Zweite, Herr Hübner, Sie haben etwas unterschlagen. Sie haben unterschlagen, dass die neue Altstadt das Ergebnis eines politischen Kompromisses war. Ich erinnere daran, dass namhafte Persönlichkeiten bis in die letzten Jahre hinein eine hundertprozentige Rekonstruktion wollten. Diese Option haben sie als Bürgerinitiative verloren, weil es einen Kompromiss gab, dass es in der neuen Altstadt nicht nur Rekonstruktionen gibt. Herr Dr. Kößler hat gesagt: Rekonstruktionen dort, wo es zuverlässige und weitgehende Dokumentationen gibt, ansonsten sollte es eine neue Architektur in derselben neuen Altstadt sein. Dass, was Sie am Samstag vorfinden werden, ist eine Mischung aus Alt und Neu. Wenn die jungen Architekten gesagt haben, wir fügen das Neue im Stil von Alt in das Ensemble ein, dann ist das noch einmal etwas anderes, als sozusagen nur die Nostalgie. Ich wiederhole es noch einmal -, die neue Altstadt, sie war ein politischer Kompromiss.

Punkt drei: Natürlich gibt es unter den Architekten auch einen Streit, es gibt verschiedene Schulen, wie man weiß. Bei den verschiedenen Schulen sind die einen sozusagen eher funktionalistisch, zweckorientiert - das Wort fiel vorher, Form folgt Funktion - und andere sagen, es ist bei uns in der modernen Architektur ziemlich viel Ornamentik verloren gegangen. In dem Sinn begrüßen wir das, was in der neuen Altstadt entsteht, auch weil wir sehr viel Wert auf die Spolien gelegt haben, die Schmuckelemente sind.

Letzter Gedanke: Frau Tafel-Stein, Sie haben gesagt, dass die Rede vorhin Verunsicherung ist und dass es auf eine Einzelfallprüfung in der Umgebung ankommen würde. An dieser Stelle gibt es immer wieder eine Diskussion, die nicht entschieden ist. Ich erinnere an ein drastisches Beispiel, das war der Preis der Jury für das Gebäude der Frankfurter Rundschau. Da haben die einen gesagt, das müsste eigentlich dem alten Rundschau-Gebäude entsprechen - wegen der Identität -, und andere haben gesagt, dass es leider so nicht in der Vorgabe des Wettbewerbs stand. Der Investor selbst hat gesagt, ich möchte das ganz anders haben. Was heißt dann hier konkret Bezug zur Umgebung? Das ist eine Diskussion, die für uns alle noch ansteht.

Vielen Dank!

(Beifall)