Kein Rassismus im Stadtbild Frankfurts

Stadtverordneter Dimitrios Bakakis, GRÜNE:

Herr Vorsitzender,

werte Kolleginnen!

Die KAV bewertet etwas als rassistisch, bittet den Magistrat, tätig zu werden und löst damit eine breite Debatte aus. So weit, so gut. Ganz und gar nicht gut dagegen ist, was das teilweise für Reaktionen ausgelöst hat. Da werden die Antragstellerin, Frau Greiner, und die gesamte KAV sowie alle diejenigen, die öffentlich Verständnis für das Anliegen des Antrags äußern, mit Anfeindungen und Hass, mit Beschimpfungen und Drohungen überschüttet. Sie und wir sollen uns um wichtigere Probleme kümmern, und, sofern wir einen nicht sonderlich deutsch klingenden Namen tragen, sollen wir uns gefälligst benehmen, wie es sich für Gäste gehört, sollen uns nicht öffentlich äußern, sollen uns dahin scheren, wo wir hergekommen sind.

Es ist unsäglich, wie enthemmt und mit was für einer Sprache manche ihrer Verachtung Ausdruck verleihen. Wir GRÜNE verurteilen das aufs Schärfste!

(Beifall)

Der KAV wurde nun also geraten, sich mit Themen zu befassen, die im Alltag tatsächlich von Bedeutung seien. Ich persönlich empfinde es regelmäßig als anmaßend und unverschämt, anderen Menschen vorzuschreiben, womit sie sich beschäftigen sollen und womit nicht. Dies umso mehr, wenn solche Aufforderungen von Menschen kommen, die keinen vollen Überblick darüber haben, was die von ihnen Kritisierten so alles leisten.

Zur Sache haben wir schon einiges gesagt, ich werde nicht alles wiederholen. Uns ist bewusst, dass alles fließt, so auch Sprache. Sie wandelt sich fortwährend und mit ihr die Wörter, deren Bedeutung und die Wertung, die sie transportieren. Mein liebstes Beispiel ist das Wort Weib. Es war früher das neutrale Normalwort für Frauen. Kann ich nun mit dem Hinweis darauf Frauen als Weiber bezeichnen? Wohl kaum. Es ist unbestreitbar, dass das Wort im Laufe der Zeit eine Bedeutungsverschlechterung erfahren hat, heute abwertend gemeint und damit unbrauchbar geworden ist. Da nützen auch historische Hinweise nichts, denn so einfach lassen sich Empfindungen nun einmal nicht wegwischen.

(Beifall)

In diesem Zusammenhang ist es interessant, was die Sprachwissenschaft dazu zu sagen hat. Sie stellt nämlich fest, dass in vielen Sprachen Frauenbezeichnungen eine Bedeutungsverschlechterung erfahren haben. Sie stellt außerdem fest, dass diese Prozesse der Bedeutungsverschlechterung den historisch geringen Status von Frauen widerspiegeln und die kulturhistorischen Realitäten, die Werte und Einstellungsmuster der jeweiligen Gesellschaften reflektieren. Damit sind wir beim Kern des Problems.

Es erscheint mir recht unerheblich zu sein, welche neuen Bezeichnungen wir uns einfallen lassen, um Menschen dunklerer Hautfarbe zu benennen. Solange ihr Status, solange die Werte und Einstellungsmuster unserer Gesellschaft so sind, wie sie sind, wird sich im Laufe der Zeit zwangsweise eine Bedeutungsverschlechterung dieser Wörter einstellen, eben weil Sprache in Gesellschaften eingebettet ist und ihre Wertevorstellungen reproduziert. Deshalb sagen wir GRÜNE auch, dass eine Debatte über diskriminierende Sprache dringend notwendig ist. Damit halten wir uns einen Spiegel vor, der uns vor Augen führt, wie wir Menschen kategorisieren und was wir für Vorstellungen und Vorurteile über bestimmte Menschengruppen haben.

Es wurde in Abrede gestellt, dass das M‑Wort rassistisch aufgeladen sei. Wenn wir aber Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe begrifflich zusammenfassen, ist das dann nicht schon an sich irgendwie rassistisch? Es ist eine Sache, wenn Menschen als Eigenbezeichnung den Begriff .People of Color. erschaffen, um über ihre erlebten Diskriminierungserfahrungen sprechen zu können. Eine ganz andere Sache ist es, Menschen aufgrund bestimmter Merkmale zusammenzufassen, eine vermeintliche Gruppe zu konstruieren und mit einer solchen Fremdbezeichnung zu belegen, um sie dann ständig als anders zu markieren.

(Beifall)

Ich frage mich: Woher kommt dieses starke Bedürfnis des Markierens, woher das starke Bedürfnis, ein .Die. und ein .Wir. zu konstruieren?

Nicht um Verbote, nicht um Political Correctness geht es, sondern um solche Reflexionen und Fragen. Bedeutende Fragen, betreffen sie doch wesentlich unser Miteinander und Zusammenleben. Deshalb gebührt Frau Greiner und der KAV Dank dafür, diese Diskussion angestoßen zu haben.

(Beifall)

Ich hatte eingangs erwähnt, welche Reaktionen wir erhalten haben. Im Hinblick darauf ist es mir als Repräsentant von Menschen mit vermeintlichem oder tatsächlichem sogenannten Migrationshintergrund ein großes Bedürfnis, noch Folgendes klarzustellen: Wir sind hier keine Gäste. Wir lassen uns nicht auf einen Gaststatus reduzieren und den Mund verbieten. Wir sind Teil dieser Gesellschaft, und es ist unser gutes Recht, uns einzubringen, unsere Meinung zu äußern und ja, auch politische Forderungen zu stellen.

(Beifall)

Wir GRÜNE akzeptieren auch keine Spaltung in ein .Die. und ein .Wir.. Das mag ein wenig pathetisch klingen, aber für uns gibt es nur eines, nämlich ein einziges, großes .Wir..

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

(Beifall)