Aufruf gegen „Gender-Unfug“

Stadtverordneter Dimitrios Bakakis, GRÜNE:

Was für ein Unfug.

(Beifall)

Herr Vorsitzender,

werte Kolleginnen!

"Unfug" ist das Thema dieses Tagesordnungspunktes, oder besser gesagt die Furcht davor. Die Furcht, dass Menschen sich nicht fügen wollen, vor dem Althergebrachten, dem schon immer so Gewesenen, die Furcht, dass Menschen aufbegehren und sich nicht einfügen wollen in die marginalen Rollen, die ihnen eine Minderheit aufzuzwingen versucht. Die Furcht, dass unsere Sprache, unsere Gesellschaftsordnung, wie wir sie einmal kannten, aus den Fugen gerät. Unfug also, der für viele Menschen ein Mehr an Sichtbarkeit, an Rechten, an Freiheiten mit sich bringt. Wir GRÜNE begrüßen Unfug in diesem Sinne sehr und wünschen uns mehr davon.

(Beifall)

Die neue Rechte dagegen natürlich nicht. Die Vorlage, die wir hier behandeln, ist lediglich die in Antragsform gegossene Petition des zwielichtigen Vereins Deutsche Sprache. Sie wendet sich mit lächerlichen und sprachwissenschaftlich nicht haltbaren Pseudoargumenten gegen Versuche, Sprache geschlechtergerechter zu machen. Damit fügt sie sich nahtlos ein in eine Reihe von Angriffen der neuen Rechten auf die Errungenschaften emanzipatorischer Bewegungen, allen voran der Frauenbewegungen. Und dabei wird immer nach der gleichen Strategie verfahren: Man nehme ein strittiges, hoch komplexes Thema, man mache es lächerlich, man stampfe es ein auf ein paar markige Sprüche, auf ein paar hohle Phrasen und werfe dann mit seinem unterkomplexen Gedankenmist um sich, auf dass man an den Stammtischen möglichst viel Zuspruch erhalte.

(Beifall)

Das ist so billig, wie es gefährlich ist. Das lassen wir Ihnen regelmäßig nicht durchgehen, auch in diesem Fall nicht.

Sprache soll also vor Veränderungen geschützt werden, aber nicht um der Sprache willen, nein, sondern um eben dieses Althergebrachte, das immer schon so gewesen ist, zu zementieren, um bestimmte Menschengruppen, insbesondere Frauen, sprachlich unsichtbar zu machen und klein zu halten. Darum geht es Ihnen. Sonst hätte ja auch einfach einmal vorgeschlagen werden können, nun endlich eine Ära des generischen Feminenums einzuläuten. Männer wurden schließlich lange genug sprachlich hervorgehoben. Aber dieser Vorschlag kommt nicht. Natürlich nicht. Und so ist diese Petition, dieser Antrag, einfach nur zutiefst frauenverachtend. Mehr noch.

Das Bundesverfassungsgericht hatte entschieden, dass neben dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht eine dritte Option geschaffen werden muss. Was macht der VDS? Was macht die Neue Rechte? Sie nehmen diese wegweisende Entscheidung, ausgerechnet diese, von der Neuen Rechten so belächelte Entscheidung und instrumentalisieren sie für ihre schäbigen antiemanzipatorischen Zwecke. Das ist widerlich.

(Beifall)

Ich hatte im Rahmen einer anderen Debatte schon darauf hingewiesen, alles fließt, so auch die Sprache. Diesen Fluss werden die ewig Gestrigen nicht aufhalten können. Im Rahmen jener Debatte hatte ich auch darauf hingewiesen, dass Sprache eingebettet in die Gesellschaft ist. Sprachen spiegeln die Werte und Einstellungen ihrer jeweiligen Sprachgemeinschaft wider und reproduzieren diese auch. Wir können also das eine nicht ohne das andere betrachten, Sprache nicht ohne Gesellschaft und anders herum. Und wer sich nach der Sprache der Zeit Goethes und Schillers sehnt, der muss sich vorwerfen lassen, sich auch nach den alltäglichen Sexismen und Rassismen dieser Zeit zu sehnen, sie wieder sagbar und wieder allgegenwärtig machen zu wollen, aber nicht mit uns.

(Beifall, Zurufe)

Das war eines der Probleme.

Wörter dienen dazu, Bilder und Gedanken von einem Kopf in andere Köpfe zu befördern. Und selbstverständlich ist es dabei nicht egal, welche Wörter wir verwenden. Wenn wir beispielsweise ständig von Ärzten auf der einen und Krankenschwestern auf der anderen Seite reden, dann macht das etwas mit den Menschen. Dann setzen sich Bilder und Geschlechterrollen fest, dann setzt sich fest, was als typisch betrachtet wird und was als untypisch, wofür Mensch sich rechtfertigen muss und wofür nicht. Das schränkt Menschen ein. Wir GRÜNE wollen das nicht.

(Beifall)

Was wir GRÜNE wollen, ist, dass Mädchen ganz selbstverständlich für sich in Betracht ziehen, auch Ärztin, Mechatronikerin, Bergfrau zu werden und Jungs ebenfalls ganz selbstverständlich alle möglichen Berufe für sich in Betracht ziehen. Darum geht es hier. Und daher ist es wichtig, wie wir uns ausdrücken. Dass ist dann auch ein wesentlicher Grund dafür, warum es eben nicht ausreicht, Menschen einfach nur irgendwie mitzumeinen. Nein, es ist notwendig, sie explizit zu benennen. Und es geht auch darum, dass wir ein Bewusstsein dafür schaffen wollen, dass abseits des binären Frau-nichts-dazwischen-Mann-Schema noch mehr gibt. Wir wollen Menschen, die sich in diesem binären Schema nicht wiederfinden können und nicht einfügen wollen, zeigen, dass wir sie und ihre Belange sehen, akzeptieren und respektieren.

(Beifall)

Stadtverordnetenvorsteher

Stephan Siegler:

Herr Bakakis, lassen Sie eine Zwischenfrage von Herrn ...

Stadtverordneter Dimitrios Bakakis, GRÜNE:

(fortfahrend)

Nein.

Wir wollen ihnen den Raum geben, den sie mit Fug und Recht für sich einfordern, auch in unserer Sprache. Und ja, ich weiß, das ist umständlich und manchmal sprachlich nicht elegant, und nein, es kann nicht immer in aller Konsequenz durchgeführt werden. Das sind aber alles keine validen Argumente, um Frauen und Interdiverse sprachlich unsichtbar zu machen.

Für uns GRÜNE kann ich sagen: Wir werden mit Unfug in dieser Art unbeirrt weitermachen, bis wir eine echte Gleichberechtigung für alle Geschlechter erreicht haben. Wir werden weiterhin aktiv daran mitarbeiten, die Welt der ewiggestrigen Neuen Rechten aus den Fugen zu heben. Machen Sie mit bei diesem Unfug, er ist wichtig.

Vielen Dank!

(Beifall)