Aktuelle Stunde: Ausstellung Contemporary Muslim Fashions

Stadtverordneter Uwe Paulsen, GRÜNE:

Frau Vorsteherin,

meine Damen und Herren,

liebe Frau Hartwig!

Wir müssen uns in dieser Frage streiten, das macht nichts, dazu ist die Demokratie da. Zwei Vorbemerkungen. Die erste Vorbemerkung an den Kollegen Kliehm: Selbstverständlich dürfen Frauen in der Bundesrepublik darüber entscheiden, welches religiöses Kleidungsstück sie tragen. Tag des Grundgesetzes heute, keine Frage. Zweite Vorbemerkung, an diese Ecke, der Islam gehört zu Deutschland, bevor Applaus von der falschen Seite kommt.

(Beifall)

Aber darum geht es hier nicht, es geht um Zwangsbekleidung für Frauen in Ländern, in denen es schwerste Menschenrechtsverletzungen gibt, in denen es keine Freiheit, keinen Rechtsstaat und keine Demokratie gibt. Aus unserer Sicht spricht nichts gegen eine Ausstellung über Mode, aber es spricht aus unserer Sicht vieles gegen diese mit Recht umstrittene Ausstellung über islamische Mode.

Frau Hartwig, Sie haben in einem Interview zur Diskussion in der FAZ gesagt: "Na ja, das Kopftuch werde vielfältig gedeutet", und sind zu dem Schluss gekommen, ich zitiere einmal: "Wir müssen die Widersprüche aushalten und gegebenenfalls mit einer Paradoxie leben." Ja, das können wir hier, meine Damen und Herren, wir haben hier im Saal kein Problem - wir als GRÜNE zumindest nicht -, wir leben in einer liberalen Gesellschaft und praktizieren unsere Diskursfreudigkeit mit Begeisterung. Auch wenn - und ich schaue noch einmal in diese Ecke - einfach nur gequirlter Unsinn, Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie Teil des Diskurses sind, das halten wir aus.

(Beifall)

Aber es geht nicht um das, was wir aushalten, es geht um das, was Frauen in jenen undemokratischen Ländern aushalten müssen. Ihnen drohen drakonische Strafen. Die iranische Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh ist, nach Angaben ihres Ehemannes, zu 33 Jahren Haft und 148 Peitschenhieben verurteilt worden. Sotoudeh hat sich stets gegen die Todesstrafe ausgesprochen und unter anderem auch Frauen verteidigt, die sich gegen den Zwang sich zu verschleiern wehrten. Ein Anklagepunkt gegen sie lautet, ich zitiere: "Offenes sündhaftes Auftreten in der Öffentlichkeit ohne Kopftuch." Jetzt ist in der Diskussion um diese Ausstellung gesagt worden, sie gehe doch kritisch mit diesen Aspekten des Kopftuchzwanges um. Da sind wir vollkommen anderer Meinung.

Wer Widersprüche aushalten will und den gesellschaftlichen Diskurs einfordert, auch über islamische Mode, muss zunächst eines zur Kenntnis nehmen, er muss die Realität so zur Kenntnis nehmen: Für viele Frauen in diesen Ländern ist die Realität brutal.

(Beifall)

Die Kulturanthropologin Susanne Schröter, die vollkommen zu Unrecht in unerträglicherweise angegriffen wurde, hat in einem Beitrag für die FAZ deutlich gemacht, wie in der indonesischen Provinz Aceh unter Scharia-Recht eine islamistische Partei Modeschauen organisiert. Und warum? Weil sie ihre Bekleidungsvorschriften durchsetzen wollen. Dann wird Mode Ausdruck von Eskapismus. Ich zitiere am Ende Frau Schröter: "Jeder, der in die Ausstellung geht, sollte bedenken, wenn man sich von islamischer Mode begeistern lässt, dass diese Mode das darunterliegende repressive Korsett im wahrsten Sinne des Wortes verschleiert."

Vielen Dank!

(Beifall)