Kinder- und Jugendtheater

Stadtverordneter Sebastian Popp, GRÜNE:

Herr Vorsteher,

liebe Kolleginnen und Kollegen!

Kinder- und Jugendtheater - wird es diesmal klappen? Die GRÜNEN freuen sich über diesen neuen Anlauf. Auf ein eigenständiges Kinder- und Jugendtheater in Frankfurt warten wir schon sehr lange, aber, wir haben es gerade schon gehört, die ersten Bedenken formieren sich und die Bedenkenträger treten an das Podium. Wir sind im Grunde dafür, aber ist das nicht wirklich ein viel zu schönes Haus für ein Kinder- und Jugendtheater? Ja, wird das wohl am Ende auch Geld kosten? So ist es.

Wenn die in großer Genauigkeit, mühsam und lang erarbeiteten Pläne für ein State of the Art‑Theater für die wachsende Zahl an Kindern und Jugendlichen wahr werden sollen, geht das nicht ohne Geld. Warum auch? Wir machen Schulentwicklungspläne, Kindertagesstättenentwicklungspläne und Berufsschulentwicklungspläne. Wir machen Pläne ohne Ende, um der wachsenden Stadt, den wachsenden Bedürfnissen und Notwendigkeiten der Frankfurterinnen und Frankfurter gerecht zu werden. Einen Kulturentwicklungsplan beziehungsweise einen Plan, welche Theater, freie und private Theater, oder welche großen Bühnen wir eigentlich wollen und noch übermorgen brauchen, gibt es leider nicht.

Im Gegenteil: Die Liste der Theaterbaustellen in Frankfurt ist aktuell sehr lang. Die Fliegende Volksbühne kreist noch über der Stadt gleich einem Flieger, der auf eine Landeerlaubnis wartet. Dem Neubau und/oder der Sanierung der Städtischen Bühnen wird in dieser Wahlperiode wohl noch nicht einmal ein finaler Landeplatz zugewiesen werden. Das Fördermodell der sogenannten Freien stottert kräftig. Eine Generalüberholung in allen Teilen wäre dringend geboten. Ein Festival, das Frankfurter Produktionen zeigt, kann trotz erheblicher zusätzlicher Mittel gar nicht erst abheben. Der Tanz, einmal europaweites Aushängeschild der Stadt, findet unter Bedingungen der Askese statt. Die Macherinnen und Macher haben uns in einer öffentlichen Anhörung dazu aufgefordert, einen Plan zu erstellen. Der Jumbojet Oper und Schauspiel verunsichert durch politisches Hin und Her, mal mit den Planungen allein gelassen und im nächsten Moment Zaungast planerischen Durcheinanders. Währenddessen steigen die Kosten und der Opernintendant hätte gerne ein noch etwas größeres Orchester.

Sind die nötigen Mittel für all das richtig verteilt? Sind sie gerecht verteilt? Braucht die herausragende Theaterlandschaft Frankfurts mehr? Falls das so ist - wovon ich fest überzeugt bin ‑, wo eigentlich genau? Hier wäre ein Plan hilfreich. Das Kinder- und Jugendtheater braucht in jedem Fall dieses Geld. Es braucht es, um den Kindern und Jugendlichen etwas vom Besten zu zeigen, etwas Echtes, nicht irgendwie digital manipuliert, sondern live und in Farbe in ihrem Theaterraum.

(Beifall)

Kinder leben in einer komplexen Welt. Aufstiege und Abstürze, Kontinuitäten und Brüche begünstigen eine weithin selektive Wahrnehmung, die ebenso häufig von dem Bedürfnis nach Distanz gekennzeichnet ist wie von dem Wunsch nach Identifikation. Dieser komplexen Realität einen kulturellen Ausdruck geben, genau das kann das Kinder- und Jugendtheater, gerade für die Kinder, die beides suchen, Distanz und Identifikation. Ein Kinder- und Jugendtheater muss aber auch ein offenes Haus sein, in welchem junge Menschen sich selbst kreativ entfalten können und in dem sie Teil des produktiven und künstlerischen Prozesses eines Theaters sind, in dem sie dazu beitragen, Selbstillusionen zu erzeugen, und gleichzeitig lernen, Illusionen zu durchschauen. In Zeiten, wo ein Teil der Kinder und Jugendlichen mehr Tempo beim Klimaschutz fordert, glaubt ein anderer Teil, dass es H‑Milch‑Kühe gibt oder manche Kühe sogar lila wären. Genau deshalb ist ein analoges Kinder- und Jugendtheater heute wichtiger denn je.

(Beifall)

Sie brauchen diesen Ort, wo die Grenze zwischen passivem Zuschauen und aktivem Mitmachen immer wieder durchbrochen wird, einen Ort, wo die Themen der Welt auf den Brettern der Welt verhandelt werden und zwar für Kinder und von Kindern, einen Ort, wo sie herausgefordert werden, uns ihren Blick auf diese Welt zu zeigen. Für diese Idee gibt es einen ganz hervorragenden Ort, das Zoo‑Gesellschaftshaus, und was mindestens genauso wichtig ist, es ist ein Ort, nämlich am Frankfurter Zoo, der mit einem ganz hervorragenden neuen Leiter und der Zoologischen Gesellschaft die Zukunft plant.

Das wohl gravierendste und vor allem bedrohlichste Thema unserer Zeit ist neben beziehungsweise vor dem Klimaschutz der Artenschutz. Mit dem Frankfurt Conservation Center die Stadt die große Chance, vielleicht die Zukunftsplattform für den weltweiten Artenschutz in Deutschland auf den Weg zu bringen, so etwas wie das Potsdam‑Institut für Klimaforschung in Artenschutz. Das wäre eine wichtige Stärkung des Frankfurter Standorts. Unsere heute schon weltweit aktiven Player, der Zoo, die Zoologische Gesellschaft, das Senckenberg Museum und die vielen anderen Hidden Champions aus der Stadt und der Region, könnten hierdurch sichtbarer, aber vor allem auch interventionsfähiger werden. Das ist doch genau das, was wir als Gesellschaft heute mehr denn je brauchen. Vielleicht waren große Teile der Wissenschaft noch nie so bereit wie heute, ihre Erkenntnisse offensiv in die politischen Debatten einzubringen und sogar politisch deutlich Position zu beziehen. Hier haben wir also einen Plan. Jetzt wird es unsere Aufgabe sein, diesen umzusetzen und die dafür nötigen Ressourcen zu organisieren.

Diese Aufgabe, davon bin ich fest überzeugt, ist tatsächlich eine der Politik, nicht allein dieser Koalition oder der Nächsten, sondern der Politik dieses Parlaments. Weil ich wusste, dass die Bedenkenträger genau diese Fragen zum Standort und den Kosten an das Kinder- und Jugendtheater stellen werden, habe ich ein Zitat von Volker Ludwig, dem Gründer des Grips Theaters in Berlin, letztes Jahr ist er, glaube ich, 80 Jahre geworden, mitgebracht. Volker Ludwig wird gefragt: "Warum funktioniert es bei euch mit dem jungen Publikum besser als in den großen Häusern mit älterem Publikum? Probleme haben alle. Ein Unterhaltungsbedürfnis haben alle. Was ist der Unterschied?" Darauf antwortet Volker Ludwig, und das erklärt vielleicht die Bedeutung des Kinder- und Jugendtheaters noch einmal aus einer anderen Perspektive: "Unsere Regisseure wollen eben den Kindern etwas erzählen und nicht zeigen, wie toll sie selbst sind. Das spielt eine ganz große Rolle. Wir vertreten die Interessen des Publikums und nicht die von irgendwelchen Festivalleitern oder Regisseuren. Ästhetische Innovation", sagt Volker Ludwig, "ist für mich ein Schimpfwort. Ich habe noch nie gehört, dass ein Kind nach der Vorstellung geschimpft hat: 'Mist, das war schon wieder nicht innovativ.'" Ein allerletztes Zitat von Volker Ludwig, weil es sozusagen auf die Frage des Geldes noch einmal eingeht: "Ich habe in meinem Leben mehr Zeit damit verbracht, um Geld zu kämpfen, als Stücke zu schreiben, das war fürchterlich."

Für die, die es nicht wissen: Volker Ludwig ist unter anderem der Autor von Linie 1. Er hat, glaube ich, 100 Kinder- und Jugendtheaterstücke inszeniert und geschrieben, und er ist jemand, der sehr erfahren ist. In diesem Sinne wünsche ich diesem Haus die Kraft, in der Zukunft die notwendigen Ressourcen für ein eigenständiges Kinder- und Jugendtheater im Zoo‑Gesellschaftshaus zur Verfügung zu stellen.

Vielen Dank!

(Beifall)