Corona-Krise: Sport, Soziales und Gesundheit

Stadtverordnete Natascha Kauder, GRÜNE:

Sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher,

liebe Kolleginnen und Kollegen!

In Frankfurt haben sich einige Sportlerinnen und Sportler seit Jahren auf Olympia vorbereitet. Wir haben einige von ihnen vor ein paar Wochen noch im Kaisersaal empfangen. Eine Teilnahme an Olympia ist der Höhepunkt für viele und für die jungen Athletinnen und Athleten der Beginn einer wirklichen Sportkarriere.

(Zurufe)

Durch die Corona-Pandemie hat sich vieles geändert, relativiert und persönliche sowie gesellschaftliche Pläne und Ziele sind in der Warteschleife. Ja, wir sind im Ausnahmezustand. Beim Sport ist die Verlegung der Olympischen Sommerspiele 2020 auf 2021 und der mögliche Beginn der Bundesliga ein medial sehr präsentes und teils sehr emotional geführtes Thema, und manche Diskussion ging sehr am Ernst der Lage vorbei. Gestern wurde dann entschieden: Der Ball rollt wieder. Was das für ein Signal an die Bevölkerung ist, die trotz neuer Lockerungen noch weiter mit Kontaktbeschränkungen leben muss, die teils existenziell sind, um eine Verhinderung der Ansteckung von Risikogruppen zu vermeiden, ist ein eigenes Thema.

Sport ist ja doch so viel mehr als Bundesliga. Gerade in einer großen Stadt wie Frankfurt, die sich voller Stolz "Sportstadt" nennt, sind vielfältige Sport- und Bewegungsangebote neben dem Leistungssport von gesellschaftlicher Relevanz für Groß und Klein. Sport steht für Gesundheit, Emotionen, Integration, Inklusion, Nachhaltigkeit, Gendergerechtigkeit und immer mehr unter dem Vorbehalt von Umwelt- und Klimaschutz. Am 11.05.2020 soll es weitere Entscheidungen geben. Konzepte für Hygieneregeln, Infektionsschutzmaßnahmen, Abstandsmaßnahmen gibt es mittlerweile ausreichend über die jeweiligen Verbände. Die Rückkehr zum Sportbetrieb ist ein großes Ziel. Das gilt auch für den Freizeitbereich. Mehr Alltag, mehr Struktur - das ist für Menschen mehr und mehr wichtig. Für Frankfurt waren im Frühjahr und Sommer 2020 vielfältige Sportveranstaltungen geplant, für Anfang Mai das Deutsche Down-Sport-Festival für Kinder und Jugendliche und das Radrennen am 1. Mai. Manches wurde abgesagt, anderes verschoben.

Vieles im Sport wie im gesamten Leben steht unter Vorbehalt. Alles ist abhängig von der weiteren Entwicklung der Pandemie. Neben dem materiellen Rettungsschirm brauchen wir auch einen sozialen Rettungsschirm. Wir haben in Frankfurt das Motto ausgesprochen, kein Sportverein und somit keine Sportlerin und kein Sportler bleibt zurück. Der erste Rettungsschirm über das Regierungspräsidium hat viele Vereine und Verbände ausgeschlossen. Seit dem 20.04.2020 gibt es einen weiteren Rettungsschirm des Landes Hessen mit bis zu 10.000 Euro gezielt für Sport und Kultur. Um die dafür nötigen Anträge schnell und vollständig an die richtige Stelle zu bekommen, gibt es im Sportamt ein Team zur Unterstützung. Vielen Dank an Markus Frank, der heute leider nicht da ist, für diese Idee und diese Hilfe. Das rettet Existenzen für die Sportstruktur der Stadt Frankfurt.

Angebote, eine Struktur für Bewegung und Sport, ist Daseinsfürsorge, und die psychischen und physischen Auswirkungen der Pandemie sind nicht einzuschätzen. Je länger die Einschränkungen und deren Folgen dauern, die Menschen unterschiedlich hart treffen, ist die Möglichkeit, auf einen Tennisplatz oder einen Fußballplatz zu gehen oder im Sommer unter Einschränkungen auch schwimmen zu gehen, ein wichtiger Anker für die Gesellschaft - gerade für die Kinder und Jugendlichen. Dass jetzt viele Stimmen laut werden, Training und Spiele wieder zuzulassen, ist verständlich. Aber die Gesundheit der Sportlerinnen und Sportler, der Trainerinnen und Trainer bis zu den Physiotherapeuten und dann deren jeweiligen Familien sollte immer im Vordergrund stehen.

Nun scheint der Neustart für den Sport auch in Hessen doch schneller zu kommen, es ändert sich ja von Tag zu Tag. Wir können dem DFB doch irgendwie dankbar sein, denn nach der Lockerung im Leistungssport folgt die Lockerung im Breitensport. Jede Regelung dazu muss aber nachvollziehbar sein, um das Gemeinschaftsgefühl und die Solidarität zu erhalten. Die kreativen Ideen und die schnelle Umsetzung wie Onlinekurse oder Onlinetraining haben ja nicht alle erreicht so wie beim digitalen Lernen in der Schule. Wir hatten und haben in Deutschland nie eine strenge Ausgangssperre gehabt, wir hatten und haben die Möglichkeit für Bewegung, viel weniger, nicht in Gruppen, aber wir können raus.

Nun einmal weg vom Sport zur Solidarität, der große Wert. Corona hat gezeigt, wie schnell Nachbarschaftshilfen, Einkaufshilfen und Essensbringdienste organisiert werden können. Rosemarie Heilig hat so etwas relativ schnell auf die Beine gestellt. Vielen Dank dafür. Die Rücksichtnahme, aufeinander achten, in der Nachbarschaft, im Haus, im Stadtteil, ist eine der positiven Erkenntnisse. Die meisten halten den Mindestabstand und die Gesundheitsvorgaben ein und tragen die Mund-Nasen-Schutz-Masken zum Schutz der anderen. Die Nöte, die Bedürfnisse der Schwächeren stehen immer im Vordergrund. Neben den sportlichen Veranstaltungen fallen viele weitere gesellschaftlich relevanten Themen aus, die geplant waren und die wahrscheinlich nie nachgeholt werden können. Dazu zählt der IDAHOT und der CSD. Für die LSBTIQ*-Community sehr schade. Mehr als das. Denn um den CSD herum werden viele politische Themen und Diskussionen ausfallen, die in dem gesellschaftlichen und politischen Fokus in der Regel untergehen oder von Vorurteilen bestimmt werden, wie zum Beispiel die Konversionsbehandlung, die zunehmende Gewalt gegen Lesben, Schwule und Transpersonen, denn Diskriminierung und Ausgrenzung finden immer noch statt. Sie steigen sogar. Die Situation der queeren Geflüchteten und der nicht geouteten queeren Jugendlichen in Frankfurt ist besonders schwierig. Sie sind ungewollt isoliert und können zum Beispiel nicht zu wichtigen Treffpunkten wie dem KUSS41. Digitale Formen zum IDAHOT oder CSD können hier keine Alternative sein. Die lang erkämpfte Sichtbarkeit geht zurück.

Zurück zum Sport, alles hängt ja mit allem zusammen. Viele Trainerinnen und Trainer von Vereinen sind in Kurzarbeit. Viele von ihnen sind selbstständig und mussten daher Arbeitslosengeld II beantragen. Die Arbeitslosigkeit ist seit April auf einem hohen Niveau. Die Kurzarbeitsanträge steigen nach wie vor, genau wie die Anträge im Jobcenter. Das Kurzarbeitergeld von 60 bis 67 Prozent ist für viele Familien zu gering, vor allem wegen der hohen Mieten in Frankfurt. Die höheren Zuverdienstmöglichkeiten zum Kurzarbeitergeld waren daher Anfang April eine sehr gute und schnelle Lösung der Bundesregierung und haben vielen Familien ihre Existenz gerettet und vor einem hohen Schuldenberg bewahrt. Aber die Arbeitslosigkeit und damit auch die Existenzängste sind ein spürbares Thema, auch in Frankfurt. Die Angst um die Jobs, die Überforderung mit dem Homeschooling in Kopplung mit Homeoffice und die fehlende Kinderbetreuung. Das führt zum Sozialen.

Die Krise befeuert die sozialen Probleme, zeigt oft verstecke Armut und zeigt, wer keine Lobby hat: Familien, vor allem Alleinerziehende und Kinder. So verschärft die Schließung von Schulen und Kindergärten die Chancenungleichheit für Kinder dramatisch. Je länger es dauert, umso schwieriger wird es für die Kinder. Der Staat hat eine Fürsorgepflicht für Kinder und einen Bildungsauftrag. Ziel ist ein Recht auf Bildung und Chancengleichheit. Aktuell ist es ein digitaler Bildungsauftrag. Die Realität zeigt, dass nicht alle Kinder beziehungsweise Erziehungsberechtigten Laptops, Pads, Drucker und WLAN haben. Hier braucht es eine schnelle Lösung. Warum kann die fehlende digitale Ausstattung nicht unbürokratisch über das Bildungs- und Teilhabepaket finanziert werden? In Frankfurt wachsen über 20.000 Kinder in Armut auf, deren Eltern von sogenannten Transferleistungen abhängig sind. Im SGB II fehlt die Berechnung für den Zugang zu digitaler Bildung. Daher gibt es Stimmen, den SGB II-Satz pauschal um 100 Euro zu erhöhen. Es gibt ganz neu, beschlossen durch die Kultusministerkonferenz, einen Digitalfördertopf im Rahmenkonzept Wiedereingliederung von Schulen. Aber das dauert zu lange. Daher meine Bitte an Frau Professor Birkenfeld: Bitte prüfen Sie den Übergang über das BuT.

Jetzt läuft meine Zeit langsam aus, daher: Die Beratung, die soziale Arbeit und vor allem die Gespräche finden nach wie vor statt. Unter strengen Abstands- und Hygienevorschriften, aber niemand wird vergessen. Frankfurt ist und bleibt eine soziale Stadt. Die aktuellen Lockerungen bedeuten mehr Freiheit für viele und weiterhin Verantwortung für Risikogruppen. Wir brauchen daher alle weiterhin Geduld, Vertrauen, Zuversicht, Solidarität und Demut.

(Beifall)