Kampf gegen Corona 2

Stadtverordnete Jessica Purkhardt, GRÜNE:

Sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher,

verehrte Kolleginnen und Kollegen!

Ausgezeichnet, lieber Roland!

Ich fange so an: "Soziale Isolation ist ein zentraler Risikofaktor für körperliche Erkrankungen und Mortalität, dessen Effekte mit denen des Rauchens und anderer unbestrittener Gesundheitsrisiken vergleichbar sind", schreibt die Uni Münster auf ihrer Corona‑Seite. Das bedeutet also: Soziale Isolation ist so gefährlich wie Rauchen. Die Vereinsamung von Menschen war auch vor Corona ein schon lange bekanntes und unberücksichtigtes Problem. "Rauchen gehört zu den Dingen, die man können muss, aber nicht müssen darf", schreibt die Autorin Juli Zeh. So verhält es sich mit der ebenso gefährlichen sozialen Isolation.

Im März und April waren wir in einer besonderen Situation. Wir waren unvorbereitet auf ein sehr gefährliches Virus und es blieb uns kaum etwas anderes übrig, als sehr radikal zu reagieren. Seitdem haben wir an dieser Erfahrung gesehen, dass soziale Isolation massiv auf die Psyche der Betroffenen, auf das Immunsystem und die Vitalität der Menschen durchschlägt. Wir können Menschenleben auch dadurch verlieren, dass wir Menschen zu lange, zu strikt isoliert halten. Menschliches Miteinander ist kein Geschwurbel oder Gutmenschengerede. Unser Gehirn ist darauf ausgerichtet, in sozialem Kontakt zu sein. Die Energie, die wir brauchen, um Motivation zu erzeugen, Lust zum Lernen zu haben und Anstrengungsbereitschaft, muss das Gehirn erst erzeugen, indem es bestimmte Botenstoffe herstellt, die nur produziert werden können, wenn wir in sozialem Kontakt sind.

Statt sich also in Überlegungen zu verlieren, wie man Menschen dazu bringt, sich grundsätzlich für längere Zeit voneinander zu distanzieren und auf zwischenmenschliche Interaktionen zu verzichten, auf die wir als soziale Lebewesen aber notwendigerweise angewiesen sind, sollten wir die Einhaltung der wirksamen Hygienekonzepte im Alltag konsequent und unmissverständlich von allen einfordern. Das haben wir in der Zeit zwischen dem letzten und diesem Lockdown aber offensichtlich nicht getan. Das ist aber wichtig, denn die psychologische Forschung zu überzeugender Kommunikation zeigt, dass Menschen am ehesten bereit sind, ihr Verhalten zu ändern, wenn sie das Gefühl haben, dass die Mehrheit derer, denen sie sich zugehörig fühlen, dies auch tut. Es ist schlimm genug, dass wir es akzeptieren, dass Zehntausende Menschen jährlich ihr Leben verlieren, weil unsere Antibiotika nicht mehr wirken, nachdem sie durch den Einsatz in der Massentierhaltung wirkungslos geworden sind. Wir dürfen deshalb nicht hinnehmen, dass wir künftig alle Menschen mit allen lebensgefährlichen Konsequenzen jeden Winter drei Monate isolieren, damit den Rest des Jahres manche alle Vernunft und Verantwortung fahren lassen können.

Wir Menschen können nicht gesund bleiben, ohne ein Minimum an sozialem Kontakt. Er ist für uns so wichtig wie ein Medikament. Wenn wir nun also auf ein wirksames Medikament und einen Impfstoff gegen Corona hoffen, sollten wir uns das Medikament, das wir schon haben, nicht grundsätzlich willentlich versagen.

Vielen Dank!