Anne-Frank-Tag ermahnt uns, wachsam zu bleiben

Pressemitteilung der GRÜNEN im Römer vom 10.Juni 2020

Anlässlich des diesjährigen Anne-Frank-Tages am 12. Juni 2020 erklärt der integrationspolitische Sprecher der Fraktion Die GRÜNEN im Römer, Uwe Paulsen:

Die wachsende Zahl der antisemitischen Delikte in Deutschland im Jahre 2019 (2032 Delikte gegenüber 1799 in 2018) zeigt, dass Antisemitismus weiterhin eine ernste Bedrohung für Jüdinnen und Juden in Deutschland ist. Zwar haben 90% dieser Delikte einen rechtsextremen Hintergrund. Dennoch ist Antisemitismus ein Phänomen, das es auch in der Mitte der Gesellschaft gibt. Das bestätigen Umfragen immer wieder.

In der präventiven Arbeit gegen Antisemitismus haben die Schulen eine besondere Aufgabe. Die Soziologin Julia Bernstein hat in einer großen Studie sich dem Phänomen des Antisemitismus an deutschen Schulen gewidmet. Die Ergebnisse sind dabei besorgniserregend. Das Thema wird zum Teil bagatellisiert und ignoriert. Zudem finden sich zahlreiche Varianten des Antisemitismus. Es gibt einen israelbezogenen Antisemitismus, etwa dann, wenn der jüdische Staat dämonisiert wird, Israel in einer Täter-Opfer-Umkehrung mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt wird oder Juden und Jüdinnen in Deutschland zu Repräsentanten des Staates Israel erklärt werden.

Häufig wird Antisemitismus unter der Kategorie Rassismus subsumiert. Das ist eine nicht sachgerechte Kategorisierung. Es sei nur auf den eliminatorischen Charakter des Antisemitismus verwiesen und auf dessen Kontinuität in der deutschen Geschichte. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrates der Juden, hat mit Recht gesagt, dass die Erinnerung an den Holocaust zur deutschen Identität gehört. Dass auch Rassismus in Deutschland eine zunehmende Bedrohung darstellt, zeigt der in dieser Woche veröffentlichte Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Die 59 antisemitischen Vorfälle an Frankfurter Schulen zwischen 2016-2018, die bei der Bildungsstätte Anne Frank gemeldet wurden, weisen auf den Handlungsbedarf auch in Frankfurt hin. Die Zahl der Dunkelfälle liegt wahrscheinlich um einiges höher. Es wäre hilfreich, wenn auch das Staatliche Schulamt Frankfurt die Zahl der antisemitischen Vorfälle und der Fälle von antireligiösem Mobbing zugänglich machen würde. In diesem Zusammenhang gebührt der Bildungsstätte Anne Frank große Anerkennung für ihre - auch präventive -Arbeit.

Es gibt nicht den einen Weg, um der Bildung antisemitischer Denkmuster bei Jugendlichen vorzubeugen. Aber unbedingte Voraussetzung ist Wissen über jüdisches Leben, die nationalsozialistische Diktatur und die Weimarer Republik sowie die Veranschaulichung des Geschehenen. Ein Besuch in Buchenwald, etwa auch in Verbindung mit einem Besuch in Weimar, oder einer anderen Gedenkstätte sollte zum verbindlichen Lehrplan aller hessischen Schulen gehören. Das Zentrum der Weimarer Klassik und den Tagungsort der Weimarer Nationalversammlung von 1919 trennen nur wenige Kilometer vom einem Ort des nationalsozialistischen Terrors, in dem zwischen 1937 und 1945 mehr als 50 000 Menschen ermordet wurden. Wenn Schülerinnen und Schüler beide Seiten der deutschen Geschichte kennen, werden sie eher verstehen, wie bedrohlich der Antisemitismus für Jüdinnen und Juden in Deutschland und für unsere Demokratie ist.

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