Erinnern und Gedenken in historischer Verantwortung

Pressemitteilung der GRÜNEN im Römer vom 07. Mai 2020

Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1945 und zur Diskussion um den 8. Mai als bundesweiten Feiertag erklärt der Stadtverordnete Uwe Paulsen für die GRÜNEN im Römer:

Der 75. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1945 mahnt uns, der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des Zweiten Weltkrieges zu gedenken. Der Holocaust steht dabei für ein in der Menschheitsgeschichte singuläres Verbrechen, dass, trotz aller Bemühungen des historischen Erklärens einen "Zivilisationsbruch" (Dan Diner) darstellt, der sich menschlichem Verstehen vermutlich nie ganz erschließen wird.

Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, hat mit Recht darauf verwiesen, dass trotz der Corona Pandemie die Befreiung der Konzentrationslager nicht vergessen werden dürfe und die Erinnerung an den Holocaust zu Deutschlands Identität gehöre.

Das ist auch ein Auftrag für die Zukunft. Die Erinnerung an den Holocaust, den Zweiten Weltkrieg und die nationalsozialistische Terrorherrschaft muss den nachfolgenden Generationen und Jugendlichen präsent bleiben, dazu bedarf es der Anstrengungen von Seiten des Bundes, der Länder und der Kommunen. In Frankfurt kommen u.a. das Fritz-Bauer-Institut und die Bildungsstätte Anne Frank in großartiger Weise dieser Aufgabe nach.

"Bonn ist nicht Weimar." Das war mit Recht die Doktrin der alten Bundesrepublik, trotz der schleppenden, aber letztlich auch in großen Teilen gelungenen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, die dann auch nach der Wiedervereinigung fortgesetzt wurde. Wie notwendig diese Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war, haben in Frankfurt die Diskussionen um das Fassbinder Stück Der Müll, die Stadt und der Tod und der Konflikt um den Umgang mit Überresten von Häusern der ehemaligen Frankfurter Judengasse am Börneplatz gezeigt. Auch Berlin, sprich das wiedervereinigte Deutschland, ist nicht Weimar. Dennoch gibt es besorgniserregende politische Entwicklungen, die unsere Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedrohen. Dazu gehört auch der Versuch, den Schrecken der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zwischen 1933-1945 zu relativieren. Hier wiederholen sich in populistischer Manier und banalisierter Form Argumentationsmuster aus dem Historiker-Streit der 80er Jahre.

Für die Frage, ob der 8. Mai in Zukunft gesetzlicher Feiertag werden sollte, braucht es eine breite gesellschaftliche Debatte. Einen gesetzlichen Feiertag, der  ̶  wie der 17. Juni in der alten Bundesrepublik, der an den Aufstand in der DDR 1953 erinnern sollte, dann aber in Unkenntnis der Umstände als bloßer "Ferientag" gesehen wurde  ̶  darf es in Bezug auf den 8. Mai nicht geben. Es ist richtig, dass ein gesetzlicher Feiertag am 8. Mai ein wichtiges Zeichen gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass sein könnte. Aber vor vordergründigen geschichtlichen Parallelisierungen müssen wir uns hüten. Um den 8. Mai als bundesweiten Feiertag angemessen und in würdiger Form zu begehen, bedürfte es im Kontext dieses Tages einer intensiven historischen Auseinanderersetzung mit dem Geschehen zwischen 1939-1945 und in der Weimarer Republik. Das bedeutet auch, "die Akten zum Sprechen zu bringen" (Walter Pehle über das Werk des Holocaustforschers Raul Hilberg). Hierzu könnten etwa Schulen, Bildungseinrichtungen und Kulturinstitutionen die Voraussetzungen schaffen.