Konzepte und Hilfen - aber auch kein Sex -Business as usual

Konzepte und Hilfen - aber auch kein Sex -Business as usual

Pressemitteilung der GRÜNEN im Römer vom 29. September 2020

Wie in andern gesellschaftlichen Bereichen auch, wirkt die Corona Pandemie in der Sexarbeit als Verstärker für bestehende Schieflagen und Gerechtigkeitsdefizite. In der Sexarbeit geht die Schere zwischen den selbständig arbeitenden und gut organisierten sowie verdienenden Sexarbeiter*innen und jenen, die in Laufhäusern und/oder in der Armutsprostitution arbeiten, zunehmend auseinander.

Seit Mitte März 2020 ist in Hessen Sexarbeit in Bordellen, Laufhäusern und auf der Straße verboten. Sexarbeiter*innen, die bisher ausschließlich in Laufhäusern gearbeitet und teilweise auch gewohnt haben, haben im Grunde ein Arbeitsverbot, sind mittel- und wohnungslos und müssen in menschenunwürdigen Verhältnissen und in der Illegalität existieren. Sexarbeit findet jedoch weiter statt, insbesondere auf der Straße, wo Sexarbeiter*innen mehr Gewalt ausgesetzt und von Strafverfolgung bedroht sind und wo eine Kontrolle des Pandemiegeschehens kaum möglich ist. Nur wenige haben sich selbst organisiert und arbeiten zusammen in Hotels. Sehr viele Sexarbeiter*innen arbeiten hingegen inzwischen auf der Straße. Deren prekäre Situation ist nicht weniger mit den Händen zu greifen, wie die der Drogenkranken, die durch die Pandemie gezwungen sind, sich auf der Straße aufzuhalten.

Das Arbeitsverbot aufrecht zu erhalten und gleichzeitig der weiteren Verelendung und Kriminalisierung der Sexarbeiter*innen zuzusehen und keine zusätzlichen Maßnahmen zu ergreifen, halten wir nicht länger für akzeptabel. Die Forderung von Sexarbeiterorganisationen auf sofortige Öffnung der Bordelle, halten wir aber weder für realistisch noch für vertretbar. Laufhäuser sind nicht in erster Linie Schutzräume und der Infektionsschutz muss auch für diese Einrichtungen erfüllt werden.

Bei Vorliegen stimmiger Hygienekonzepte unterstützen wir die Forderungen nach Öffnung der Laufhäuser. Das bedeutet aber, dass sich die Arbeit dort verändern muss. Die erforderlichen Reinigungs- und Lüftungspausen zum Beispiel erlauben nur eine niedrigere Frequenz von Freiern und auch sonst entstehen weitere Kosten, die die Betreiber*innen aufzubringen haben - so wie andere Betriebe auch. Ebenso müssen die Prinzipien der Kontaktnachverfolgung und Kontrolle umgesetzt werden.

Diese Konzepte müssen die Bordellbetreiber*innen selbst erarbeiten und sicherstellen. Werden diese nicht vorgelegt oder kann sich die Landesregierung bei deren Vorliegen nicht zu einer Öffnung unter Auflagen entschließen, müssen Überbrückungshilfen und Transferleistungen für die Sexarbeiter*innen zur Verfügung gestellt werden, und zwar diskriminierungsfrei und ohne Ausstiegsauflagen.

Es darf bei der Sicherung menschenwürdiger Lebensverhältnisse in unserer Stadt keine Rolle spielen, welche moralischen Vorstellungen zur Sexarbeit bestehen. "Niemand darf still bleiben, der weiß, dass irgendwo ein Unrecht geschieht - nicht Geschlecht, nicht Alter, nicht Konfession noch Partei dürfen ein Grund sein zu schweigen", schreibt die große Berta Pappenheimer 1924 zum Thema Prostitution und der Situation u.a. im Frankfurter Bahnhofsviertel."Berta Pappenheim ist mir in ihrem Engagement für Prostituierte ein großes Vorbild", so Ursula auf der Heide "und es ist beschämend, dass wir nach fast 100 Jahren nicht wirklich weitergekommen sind."