Liebeserklärung an keinen Ort zum Verlieben

Positionspapier zu den Städtischen Bühnen von Sebastian Popp und Bernd Messinger vom 10.01.2020

Standortfragen

Nein, die Busse voller Chinesen, Japaner und Koreaner halten nicht am Theaterplatz. Kein Aussteigen mit staunenden Blicken wie an der Semper-Oper, am Grünen Hügel vor dem Festspielhaus Bayreuth oder an der Staatsoper Unter den Linden.

Die Busse rauschen an den Städtischen Bühnen vorbei bis zur Altstadt, das Haus mit dem sperrigen Namen Theaterdoppelanlage gehört nicht zu den am meisten fotografierten Sehenswürdigkeiten Frankfurts.

Und doch: Es gibt diesen Ort in Frankfurt, der das Leben von Generationen geprägt hat. Hier führte Harry Buckwitz gegen großen Protest im Nachkriegsdeutschland zum ersten Mal wieder Brecht auf, hier fanden die wilden Jahre der Mitbestimmungskämpfe statt, wurde versucht, Theater neu zu denken. Die Medea von Neuenfels setzte international Zeichen für eine andere Annäherung an die historischen Frauenfiguren der Bühne - nebst Doggen im Publikum. Die Ära Gielen öffnete einem jungen Publikum die Ohren für Nono, Zimmermann und die Neue Musik, und seine radikale Aida führte zum Klassenkampf zwischen Parkett und drittem Rang. Und William Forsythe revolutionierte in Frankfurt das Tanztheater. Es gab hier die schmerzhaften und tiefe Wunden hinterlassende Debatte um die Stadt, den Müll und den Tod. Und es gibt die anscheinend zeitlose Zeit unter Bernd Loebe, die dauerhaft die Oper des Jahres nun schon seit Spielzeiten unter den führenden Häusern weltweit hält.

All das in einem Haus, das sich auch in seiner Architektur bewusst demokratisch und kulturell zur Stadt hin öffnet und keine Abschottung einer elitären Stadtgesellschaft zulässt. Woanders knüpfen wir künstlich und umstritten, aber durchaus erfolgreich an eine zerstörte Altstadtkultur. Am Theaterplatz braucht es keine künstliche Anknüpfung - hier lebt die Tradition im heute. Es ist ein Platz, der der Auflösung bzw. Parzellierung des städtischen Gemeinwesens und der kulturellen Heimatlosigkeit - um einen pathetischen Begriff zu nutzen - entgegenwirken kann. Exakt an der Nahtstelle zwischen Hauptbahnhof, wo Frankfurt ankommt, dem Bankenviertel, wo in Frankfurt verdient wird, Altstadt und Zeil, wo Frankfurt besucht wird, und der Brücke nach Dribbdebach.

Wenn der Baudezernent der Stadt sagt, er verstehe die Emotionen, die kulturgeschichtliche Bedeutung und die Funktion dieses Haus als demokratische Öffnung der Kultur in die Stadt hinein, aber "man soll die Dinge nicht übertreiben" und man könne solche Ort auch an eine andere Stelle verschieben, dann ist das aus Sicht des klassischen Bauherrn, der sich den ganzen Tag um Flächenmanagement kümmern muss, vielleicht nachvollziehbar. Doch dieser Platz ist zu wertvoll, um ihn zu verkaufen!

Wenn all das, was Theater auch heißt, nämlich Tradition und kulturelle Verortung keine Bedeutung hat, dann können wir auch das Goethehaus und den Sanierungsfall Paulskirche ins Industriegebiet verlagern. Investoren würden sicherlich auch einen interessierten Blick auf den Paulsplatz und den Großen Hirschgraben werfen.

Und ja, wenn über Kultur geredet wird, dann muss man auch über Geld reden - gerade auch in einer rasant wachsenden Stadt. Das war in den Blütezeiten der alten Griechen so, bei den Medici oder in den mutigen und so wertvollen Jahren unter Hilmar Hoffmann und Walter Wallmann. Es ging immer auch um Geld.

Wir glauben nicht, dass eine Lösung an zwei Standorten billiger ist als eine Lösung an einem Standort. Weder im Bau noch später in Betrieb, Administration und Zusammenwirken der Gewerke - erst recht nicht bei zwei getrennten Werkstätten - und auch nicht in der verkehrlichen Infrastruktur. Wir können uns nicht vorstellen, dass ein Neubau mit Erschließung, Verkehrsanbindung, Tiefgaragen, Platzgestaltung etc. im Industriegebiet oder gar an einem Filetstück im Bankenviertel wirklich günstiger wird als eine große Lösung am Theaterplatz. Alle Erfahrungen sprechen dagegen.

Und diese verträumte Wunschvorstellung, wir bauen im Osten neu und ziehen dann eins zu eins um und alle Fragen von Interimsspielstätten, verkehrlichen Lösungen, europaweiter Ausschreibung usw. sind zeitlich mit dem Taktstock dirigierbar, widersprechen genauso allen Erfahrungen mit zeitlichen Abläufen kommunaler Großprojekte.

Baustellen sind Baustellen

So oder so, es werden Interimslösungen notwendig sein, und da wird man nicht ohne die Solidarität in der Kulturlandschaft auskommen. Da wird die Alte Oper Solidarität mit der Oper zeigen müssen, das neue Kindertheater mit seinen zwei großen Sälen zusammenrücken müssen mit dem Theater und das Bockenheimer Depot eine Zeitlang exklusiv den Bühnen vorgehalten werden müssen. Und vielleicht lässt sich sogar das eine oder andere Projekt der Städtischen Bühnen in Kooperation mit einem Haus aus der Freien Szene stemmen.

Es müssen auf alle Fälle einige Spielzeiten überbrückt werden, und es müssen Lösungen möglich sein, die dafür keine dreistelligen Millionensummen verschlingen. Wir plädieren entschieden dafür, das verfügbare Geld besser in Qualität der künftigen Häuser für Oper und Schauspiel zu investieren als riesige Millionensummen für zwei oder drei Jahre interim.

Das bedeutet für die Bühnen eine Zeit, die für einige Spielzeiten unbequem und beschwerlich wird. Dafür bekommt man aber für 100 Jahre wundervolle Bühnen. Dass die einzigartige Qualität von Orchester oder Opernchor das Ärgernis einer Baustelle überdauern, davon sind wir überzeugt. In Frankfurt wurde schon immer auch unter beschwerten Bedingungen großartiges Theater gemacht, auch in sehr viel schwierigeren Zeiten.

Aber unser Eindruck ist, dass es bei einer Freiräumung des Theaterplatzes eigentlich weniger um Kostenersparnis geht, sondern um die Fläche für ein zweites Degussa-Areal frei zu machen, auf welches die Immobilienbranche schon lange mehr als ein Auge geworfen hat. Und weiterhin um ein neues Haus mit einem sogenannten Bilbao-Effekt. Doch erstens sind die Zeiten dieser Art von Prestige-Bauten vielleicht vorbei, und zweitens liegt Bilbao schon gar nicht bei Raab Karcher.

Die Zeit ist reif für eine Entscheidung

Also lassen wir uns diesen mühsamen Prüfmarathon um einen neuen Standort endlich beenden. Die Zeit ist reif für eine mutige politische Entscheidung - und teuer wird es sowieso. Hier oder da. Die Ehrlichkeit gebietet, jetzt offen zu sagen, dass jede Lösung an jedem Standort uns letztlich weit mehr als eine halbe Milliarde kosten wird, bei der Baupreisentwicklung wohl sogar deutlich mehr. Die Risiken von Neubau oder Sanierung, das zeigen vergleichbare Projekte anderswo, sind ziemlich gleich verteilt.

Und deshalb unsere Antwort auf die vier entscheidenden Fragen:

1. Ist uns das Theater das wert? Wir sagen ja, als Kulturnation müssen wir uns einfach in die Tradition von Goethe, Schiller, Wagner und Weber stellen. Parzival, Freischütz, Faust und Don Carlos gehören auch künftig auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Und natürlich die "zeitgenössischen Klassiker" wie Peter Brook, Yasmina Reza, Sarah Kane oder von Schirach haben in Frankfurt immer ihre Bühne gehabt und sollen sie auch künftig haben. Geben wir uns Entscheidungsfreiheit, Sirs and Ladies!

2. Was für ein Theater brauchen wir? Diese Debatte ist zwingender als sich der Chimäre des neuen und idealen Standorts hinzugeben. Konzentrieren wir uns - jetzt gerade, gerade jetzt - auf das "Kerngeschäft" von Komödie, Tragödie, Oper und Tanz. Ist vielleicht Theater - wenn überhaupt - nur in seiner Tradition als städtische Anstalt, als Stadttheater zu retten? Braucht es Stadttheater als Gegengewicht oder doch eher als ein "Sich-Einlassen" auf das, was an kreativer Selbstverwirklichung in der digitalen Welt stattfindet? Und wenn wir dann - und nicht nur gedanklich, sondern ganz konkret bei der räumlichen Konzeption eines neuen Hauses - den Bühnenrahmen sprengen, was bleibt übrig vom Zauber der Theaterwelt? Guckkastenästhetik oder Mehrzweckhalle, ist das wirklich die Alternative? Auflösung von Bühne und Zuschauerraum als ewiges Mitmachtheater und Performance vom Vorschulalter bis zur Rente? All diese Fragen sind dringender als eine sinnlose Standortsuche und auch als die Überbrückung von zwei oder drei Interimsspielzeiten. Lasst uns diese Diskussion hier in Frankfurt führen. Hier und jetzt. Geben wir uns Diskursfreiheit, Sirs and Ladies!

3. Wo gehört das Theater hin? Wir sagen, ins Herz der Stadt. Genau zwischen Alt Frankfurt, dem Schmelztiegel Bahnhofsviertel und dem Bankenstandort. Da gehört es hin, da muss es wirken. Genau dort - mit seiner demokratischen und kulturellen Öffnung in die Stadt. Geben wir uns Standortsicherheit, Sirs and Ladies.

4. Und wie soll es aussehen, das neue Haus? Lassen wir uns nicht in der Fantasie einengen. Wenn die Sanierung des Hauses, für dessen Erhalt es viele Gründe gäbe, also zu komplex und fachlich nicht darstellbar ist, dann lasst uns neu bauen - entweder wieder als Doppelanlage oder als zwei getrennte Häuser - am Theaterplatz. Steuern wir diese Entscheidung über einen mutigen Architektenwettbewerb, der frei ist von allzu viel Beschränkungen. Die Wallanlagen selbst sollten in Ihrer Gesamtfläche erhalten bleiben, partieller Flächentausch innerhalb des Standortes sollte möglich sein, wenn die Qualität der Wallanlagen aufgewertet wird. Aber auf jeden Fall dort, wo in Frankfurt der Puls des Theaterlebens schlägt: am Theaterplatz, keinem Ort zum Verlieben! Und ansonsten gilt: Geben wir uns - frei nach Schiller - Gedankenfreiheit, Sirs and Ladies! Am Standort Theaterplatz.