Vorangegangen – zum 70. Geburtstag von Lutz Sikorski †

Pressemitteilung der GRÜNEN im Römer vom 07. Januar 2020

Am 2. Januar diesen Jahres wäre der ehemalige Frankfurter Verkehrsdezernent Lutz Sikorski 70 Jahre alt geworden - Zeit, sich an ihn zu erinnern: "Auch wenn sich neuerdings viele den Begriff Verkehrswende auf die Fahnen schreiben, darf nicht vergessen werden, das es maßgeblich Lutz Sikorski war, der diese Wende in Frankfurt am Main eingeleitet hat", so Wolfgang Siefert, verkehrspolitischer Sprecher der GRÜNEN im Römer.

Der Sohn ostpreußischer Flüchtlinge und Helmholtzschüler politisierte sich früh in den bewegten "68er"-Zeiten und war regelmäßig auf Frankfurts Straßen und Plätzen anzutreffen. Und diese Straßen und Plätze seiner Heimat Frankfurt ließen ihn auch später nicht los: Als Verkehrspolitiker hat er sie nie auf das technisch-funktionale reduziert, öffentliche Verkehrsflächen und Räume waren für ihn "Straßen zum Leben".

Egal, ob er auf ein Getränk auf dem Paulsplatz saß oder auf dem Bornheimer Wochenmarkt einkaufte, stets hatte er die Menschen im Blick, die den urbanen öffentlichen Raum mit Leben füllen. Für Sikorski war "dieser Raum keine eigenständige Kategorie, die unabhängig von den Menschen existieren könnte. Im Gegensatz zum Privaten kennzeichnet ihn seine Offenheit und Zugänglichkeit für alle ... Urbanität kommt zum Vorschein, wenn gewachsene Strukturen ständig mit Überraschendem, Neuem konfrontiert werden, wenn Akteure den öffentlichen Raum bespielen, ohne Institution, ohne Auftrag, ohne wirtschaftlichen Nutzen."

Seit 1985 vertrat er als Stadtverordneter diese Haltung immer wieder öffentlich: So setzte er sich mit dem damaligen Stadtverordneten Micha Brumlik zum gemütlichen Biertrinken an den Brockhausbrunnen, um zu demonstrieren, dass alle Menschen - und eben auch Punks - das Recht haben, öffentliche Räume zu nutzen.

1989 wurde er Vorsitzender des Verkehrsausschusses, den er dann wegen der berüchtigten "vier Schweine in den eigenen Reihen" 17 Jahre lang leitete. Verkehrspolitisch gesehen war das Scheitern der rot-grünen Koalition 1993 vielleicht ein Glücksfall, denn Sikorski ließ sich von diesem persönlichen Rückschlag nicht entmutigen ­- sondern wirkte als Stadtverordneter und ab 1996 als Fraktionsvorsitzender weiter. Über Parteigrenzen hinweg schätzten ihn alle als kompetenten, verlässlichen und humorvollen Gesprächspartner und gleichzeitig fürchteten ihn viele für seine schlagfertigen und pointierten politischen Reden.

Als Ausschussvorsitzender managte er den umfassenden politischen Prozess rund um einen wegweisenden und bis heute wirkungsvollen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung: Der Gesamtverkehrsplan 2005-2015, den die Stadtverordnetenversammlung am 15.12.2005 mit einer Haupt- und gut fünf Dutzend(!) Nebenvorlagen beschlossen hat. "Mit diesem Werk, das der Nahmobilität, also dem Fuß- und Radverkehr erstmals Raum gab, und das geprägt ist von der Erkenntnis, dass in einer wachsenden Stadt mehr Verkehr nur durch die Förderung des Radverkehrs als flächen- und ressourcensparendes Verkehrsmittel zu bewerkstelligen ist, hat Frankfurt schon vor 15 Jahren den Grundstein für die Verkehrswende gelegt. Der Beschluss spiegelt aber auch das Selbstbewusstsein der damaligen Stadtverordneten gegenüber dem Magistrat wider", so Siefert weiter.

Es war auch Lutz Sikorski selbst, der wesentliche Ziele und Handlungsaufträge der Gesamtverkehrsplanung umsetzen konnte: Der ebenfalls aus diesem Beschluss stammende Auftrag, bislang auf verschiedene Dezernate verteilte Zuständigkeiten - Busse & Bahnen, Straßenbau, Straßenverkehrsbehörde und Verkehrspolizei - in einem neu zu schaffenden Verkehrsdezernat zusammenzufassen, gipfelte in der Wahl Sikorskis zu eben diesem Verkehrsdezernenten im Jahr 2006.

Lutz Sikorski machte sich mit großem Elan an die Arbeit. Durch seinen viel zu frühen Tod am 5. Januar 2011 konnte er den messbaren Erfolg seiner Arbeit nicht mehr erleben: Zum Beispiel erreichte der Radverkehrsanteil 2013 mit 14,4 Prozent bereits nahezu die für 2015 beschlossene Zielmarke von 15 Prozent.

"Auf dieser soliden Basis und den bis heute unverändert richtigen Zielen des Gesamtverkehrsplans 2005-2015 haben alle Verkehrsdezernenten nach Sikorski aufbauen können.

Angesichts der Tatsache, dass wir nun das Jahr 2020 schreiben, ist es an der Zeit, dass Magistrat und auch Stadtverordnetenversammlung sich endlich wieder energisch der Fortschreibung der Gesamtverkehrsplanung widmen. Denn die Frage, "ob" Frankfurt die Verkehrswende einleitet, ist lange beantwortet - nun geht es um das "wie" für die "Straßen zum Leben" der 2020er Jahre", so Siefert abschließend.