Rede von Nargess Eskandari-Grünberg anlässlich der Nominierung als OB-Kandidatin 2018 durch den Kreisvorstand

Es gibt Dinge im Leben, die nicht dem Zufall überlassen sind. Dazu, meine Damen und Herren, gehört auch der von uns ausgewählte Ort für dieses Pressegespräch.

Wir befinden uns am Frankfurter Hauptbahnhof, nämlich genau da, wo ich – als Zwanzigjährige – vor 31 Jahren, am 24. Dezember 1985, in diese Stadt kam, die mein weiteres Leben in einer Weise prägen sollte, wie ich es niemals hätte ahnen können.

Damals, am „heiligen Abend“ des Jahres 1985 – meine 2-jährige Tochter auf dem Arm – reichte meine Vorstellung nur dahin mir zu überlegen, wo ich an diesem Feiertag, an dem Geschäfte und Restaurants geschlossen waren, etwas zum Essen für uns kaufen könnte.

Ich war in dieser Stadt nach meiner Flucht aus dem Iran „gestrandet“. Erst im Laufe der folgenden Jahre lernte ich zu begreifen, dass es kein Zufall war in einem Land Zuflucht zu bekommen, in dem das Recht auf politisches Asyl ein Grundrecht ist.

Ich war der Verfolgung in einem brutalen Unrechtsstaat, in dem noch heute die Menschrechte mit Füßen getreten werden, entflohen und in ein demokratisches Land gekommen, wo ich mich heute mit gutem Recht als Verfassungspatriotin bezeichnen kann. In der Stadt des ersten demokratischen deutschen Parlaments, der Frankfurter Paulskirche, in der Stadt Goethes, bin ich heute zuhause.

Als OB-Kandidatin für eine Stadt anzutreten, der ich auch persönlich so viel zu verdanken habe, ist natürlich etwas ganz Besonderes.

Meine Entscheidung habe ich mir reiflich überlegt. Mein „Ja“ auf diverse Anfragen kam dann umso entschiedener.

Ich weiß, oder ahne zumindest, was auf mich zukommt – gerade in Zeiten, wo die politischen Auseinandersetzungen aggressiver und auch persönlicher werden. Aber bisher hat mich Frankfurt immer getragen – und ich setze auch künftig auf die Stärke dieser aufgeschlossenen und toleranten Stadt.

Frankfurt am Main ist als weltoffene, internationale Stadt, als Handels- und Verkehrszentrum stark geworden, als Kulturstadt, deren größter Sohn den Begriff Weltliteratur geprägt hat. Goethe ließ sich vom persischen Dichter Hafis inspirieren. In seinem West-östlichen Divan gibt es das schöne Gedicht vom Ost- und vom Westwind. Eindrucksvoller kann man kaum zum Ausdruck bringen, wie die Kulturen miteinander in Beziehung treten können.

Auf meine Flucht aus dem Iran konnte ich damals nur ein einziges Buch mitnehmen, das ich auch heute hierher mitgebracht habe, diesen Band nämlich – von Hafis.

Frankfurts Zukunft hängt von diesem Geist der Weltoffenheit ab. Diesem Geist sah ich mich als Integrationsdezernentin verpflichtet und würde dies als Oberbürgermeisterin fortsetzen, gerade auch in Zeiten, in denen der Ost- und der Westwind rauer werden.

Bei aller Weltoffenheit und Toleranz ist auch Frankfurt nicht frei von Konflikten. Hier darf sich ein Stadtoberhaupt nicht wegducken. Hier ist Haltung gefragt. Haltung und Diskursfähigkeit sind für mich Selbstverständlichkeiten. Als Oberbürgermeisterin will ich mich für den gesellschaftlichen Diskurs stark machen und der Beliebigkeit ein Ende setzen.

Es ist hier noch nicht der Rahmen, ein ausführliches inhaltliches Programm auszubreiten: So beschränke ich mich auf einige Punkte, die wichtig für mich sind. Sie wissen, dass ich keine Politikerin bin, die mit einem Parteiprogramm unter dem Kopfkissen einschläft – ich bin für innovative Ideen und Konzepte offen, die nicht immer auf Parteilinie liegen mögen. Diese Unabhängigkeit habe ich mit meiner Zusage für die Kandidatur entschieden formuliert.

Frankfurt am Main ist eine Stadt, der es gut geht. Dies gilt allerdings nicht für alle Frankfurterinnen und Frankfurter. Dem kann man, dem muss man gegensteuern. Unsere Stadt hat die Mittel dazu. Insofern sehe ich mich auch sozialpolitisch eher als Linke, die entschieden für Werte wie Chancengerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe eintritt.

Gesellschafts- und kulturpolitisch bin ich auch im Frankfurter Bürgertum verwurzelt. Auf diese Stärke kann man als Oberbürgermeisterin bauen, wenn man Kultur und Wissenschaft ernst nimmt und pflegt. Das Potential Frankfurts als Universitätsstadt mit etwa 60.000 Studierenden und zahlreichen hochqualifizierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern muss noch stärker in die Zukunft dieser Stadt einfließen.

Frankfurt muss ein starker Wirtschaftsstandort bleiben. Nur dann haben wir die notwendigen finanziellen Mittel für die anstehenden Aufgaben.

Enorm wichtig sind die Themen Wohnungsbau und Verkehrspolitik.

Die Verkehrswende ist nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale Frage.

Auch Klima- und Lärmschutz sind Teilhabefragen. Sozial benachteiligte Menschen und Geringverdiener leben häufig an viel befahrenen Straßen mit schlechter Luft und viel Lärm. Wir brauchen auch für diese Menschen Lärmschutzkonzepte. Auch sie haben ein Recht auf Nachtruhe.

Wir können die großen Klima-, Verkehrs- und Wohnungspolitischen Fragen nur mit der Region erfolgreich lösen. Hier werde ich mich gemeinsam mit den Nachbargemeinden um Lösungen bemühen.

Dass ich mich bei dem großen Thema Ökologie auf die Frankfurter GRÜNEN verlassen kann, weiß ich. Auch ich werde mich dafür einsetzen, dass diese Stadt lebenswert bleibt und dass wir ökologisch nachhaltig denken und handeln.

Wir stehen vor entscheidenden Wahlen in Europa: in den Niederlanden, in Frankreich und in Deutschland – mit erheblichen Auswirkungen auf Europa und somit auch auf eine Stadt, die im Fokus dieser europäischen Entwicklung steht. Was Frankfurt stark macht, macht auch Europa stark. Dafür muss man als Oberbürgermeisterin kämpfen: Die positive Entwicklung und Willensbildung stärken, und sich gegen eine Politik stemmen, die auf Mauern, auf Isolation und auf Abgrenzung setzt.

Meine Damen und Herren, ich blicke optimistisch auf die bevorstehende Kreismitgliederversammlung meiner Partei. Ich bin enthusiastisch, was die zukünftige Entwicklung unserer Stadt angeht. Ich bin überzeugte Europäerin und Verfassungspatriotin. Die Stadt Frankfurt am Main ist seit Jahrzehnten mein Zuhause.

Und deshalb erkläre ich Ihnen heute an diesem Ort, dass ich die erste Migrantin sein will, die in dieser Stadt zur Oberbürgermeisterin gewählt wird.

Dabei bin ich zuversichtlich: Was Paris (mit Anne Hidalgo) und London können (mit Sadiq Khan), das schaffen auch wir in Frankfurt.