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Mit Bärtchen gegen Männerdominanz

Mit Bärtchen gegen Männerdominanz

Freitag, 16.1.2026

Beim DGB-Neujahrsempfang am vergangenen Samstag gab es einen besonderen Blickfang in der ersten Reihe: Grüne Politikerinnen wie unsere Landtagsabgeordneten Martina Feldmayer und Lara Klaes hatten sich Schnurrbärte auf die Oberlippe geklebt. Der Grund? Ein Protest gegen die rein männliche Rednerliste des Empfangs. Nach DGB-Chef Philipp Jacks und Oberbürgermeister Mike Josef sprach mit Dag Schölper vom Bundesforum Männer ein dritter Mann – und keine einzige Frau.

Das Problem ist nicht neu. Bei allen drei großen Neujahrsempfängen in Frankfurt – Stadt, IHK und DGB – waren ausschließlich Männer als Redner vorgesehen. Das hat in der Stadtpolitik zu Recht für deutliche Kritik gesorgt. Und während manche nur reden, setzen unsere Politikerinnen kreative Zeichen.

Die Ironie war kaum zu überbieten: Als Jacks seine Rede mit den Worten „Wir haben ein Männerproblem” begann, bekam er prompt ein „Ja” aus der ersten Reihe zu hören. Zugegeben, Jacks meinte etwas anderes – nämlich die Männer, die Kriege führen, das Klima zerstören und Frauen anfeinden. Er sprach über toxische Männlichkeit und den antifeministischen Rollback. „Was Annalena Baerbock, Renate Künast, Angela Merkel oder Dunya Hayali an Hass, Drohungen und Gewalt erfahren, passiert jeden Tag – tausendfach – überall”, sagte er. Richtig. Aber das Männerproblem zeigt sich eben auch darin, dass bei drei großen Stadtempfängen keine einzige Frau ans Mikrofon darf.

Die Frage bleibt: Warum fällt es so schwer, Frauen eine Stimme zu geben? Bei der Industrie- und Handelskammer am 22. Januar werden IHK-Präsident Ulrich Caspar, Ministerpräsident Boris Rhein, Oberbürgermeister Josef und IHK-Hauptgeschäftsführer Clemens Christmann sprechen. Beim städtischen Neujahrsempfang am 15. Januar begrüßte Mike Josef die Gäste, anschließend folgte ein Gespräch zwischen Rudi Völler und Harald Stenger. Männer, Männer, Männer.

Das ist nicht nur ein symbolisches Problem. Es ist eine verpasste Chance. Frankfurt hat so viele kompetente, eloquente Frauen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Frauen, die etwas zu sagen haben und die gehört werden sollten. Stattdessen wird das Jahr 2026 mit dem Signal eröffnet: Beim offiziellen Frankfurt reden die Männer.

Unsere Politikerinnen haben mit ihrer Schnurrbart-Aktion ein klares Zeichen gesetzt. Kreativ, sichtbar und mit einem Augenzwinkern – aber mit einer ernsten Botschaft. Gleichstellung bedeutet nicht nur, Frauen in Gremien zu haben oder Diversity-Strategien zu entwickeln. Gleichstellung bedeutet auch, Frauen sichtbare Plattformen zu geben. Beim Neujahrsempfang ans Mikrofon zu lassen. Ihnen zuzuhören.

Frankfurt kann es besser. Frankfurt muss es besser machen. Denn wer im Jahr 2026 noch ausschließlich Männer ans Rednerpult bittet, der hat nichts verstanden. Und während der DGB sich zumindest inhaltlich intensiv mit dem Thema Feminismus und Repräsentanz auseinandersetzte, schwieg Mike Josef das Fehlen weiblicher Stimmen beim städtischen Empfang tot und zog aller Kritik zum Trotz sein Ding durch. Das geht so nicht! 

Wir GRÜNE stehen für Feminismus und Gleichstellung – nicht als Lippenbekenntnis, sondern als gelebte Praxis. Die Bärtchen unserer Politikerinnen waren eine charmante Erinnerung daran, dass wir weiter kämpfen müssen. Für Sichtbarkeit, für gleiche Chancen, für eine Gesellschaft, in der Frauen mitreden und gehört werden. Auch und gerade bei Neujahrsempfängen.